16.02.2017 Landshut

Großer Ärztemangel am Land:

Versagt unser Hochschul-System? Bezirk lässt jetzt Ärzte ausbilden

Vorbereitung im Operationssaal.
Foto: lw
Kooperation mit österreichischer Privat-Universität – Großer Ärztemangel

Der Bezirk Niederbayern schließt eine Kooperation mit einer österreichischen Privatuniversität, um mehr Ärzte auszubilden. Wer sich gleich vorab verpflichtet, nach dem Studium langfristig heimatnah eingesetzt zu werden, bekommt ein Stipendium.


Was hier wie ein normales Ausbildungsprojekt daher kommt, ist nichts anderes als ein fast schon verzweifelter Versuch, mehr Ärzte-Nachwuchs zu generieren. Denn viele Allgemeinarzt-Praxen auf dem Land sind verwaist bzw. drohen bald geschlossen zu werden, weil die betreibenden Hausärzte zu alt geworden sind. Möglich Nachfolger sind nicht in Sicht.


An Kreis- und Bezirkskrankenhäusern in kleineren bayerischen Städten – wie auch Straubing, Deggendorf oder Landshut – fehlen Bereitschaftsärzte in vielen Fachgebieten. „Fast überall werden Ärzte aus Russland, aus Ungarn, Rumänien, Tschechien oder der Türkei eingestellt, um die Versorgung der Bevölkerung weiterhin zu gewährleisten“, so Karin Stempfhuber, Pressesprecherin am Bezirk Niederbayern.


Der deutsche bzw. bayerische oder sogar niederbayerische Nachwuchs fehlt. Woran das liegt? Einerseits an einer extremen Zugangsbeschränkung zum Medizinstudium. Der Numerus clausus (N.C.) steht teilweise bei Abiturnote 1,1. In ostdeutschen Städten wie Leipzig werden Studienplätze teilweise per Anwalt gegen den N.C. eingeklagt.


Manche Universitäten schöpfen ihre Kapazitäten bewusst nicht aus. Und es gibt diesen „akademischen Bypass“ übers Ausland. Größere finanzielle Investitionen sind für ein Medizinstudium zum Beispiel in Österreich, Tschechien oder Ungarn notwendig. „Viele Familien schaffen das finanziell nicht“, so Bezirkstagspräsident und Freyunger Bürgermeister Dr. Olaf Heinrich. Beide Wege – Klage und Auslandsstudium – sind de facto Kindern wohlhabender Eltern vorbehalten. Die beteiligten Länder nutzen den deutschen Studenten-Tourismus als Einnahmequelle. In Budapest kann man Medizin in deutscher Sprache studieren.


Die Situation ist paradox. Denn bayerische Universitäten mit medizinischer Fakultät – wie Regensburg, München oder Nürnberg – werben um Studenten. Einige Ärzte fordern mehr Plätze für Medizinstudenten. Der niederbayerische KVB-Regionalvorstand Gerald Quitterer schlug vor, den Numerus clausus abzuschaffen – also die Beschränkung von Studienplätzen auf Abiturienten mit einem bestimmten Notendurchschnitt. Das sei in Zeiten des Nachwuchsmangels nicht mehr zeitgemäß, sagte er dem Bayerischen Rundfunk.
Die Not mit den Medizinern treibt bisweilen kuriose akademische Blüten: Der Bezirk Mittelfranken kooperiert mit einer Universität in Bulgarien und vergibt entsprechende Stipendien an Medizinstudenten. Zwischen der privaten Medizinischen Universität Paracelsus Salzburg (PMU) und dem Klinikum Nürnberg gibt es ein Kooperationsprojekt – obwohl die Mediziner-Ausbildungshochburg Erlangen in unmittelbarer Nähe ist.


Deutsche Jungmediziner haben die Qual der Wahl


„Viele junge Abiturienten aus unserer Region würden gerne hier studieren, die bestehende Praxis der Eltern übernehmen oder an heimischen Krankenhäusern arbeiten“, so Stempfhuber.


Ein leichterer Zugang zum Studium würde demnach den Knoten durchschlagen. Bis es soweit ist, werden deutsche Jungmediziner von potenziellen Arbeitgebern umworben, wie man es von kaum einem anderen Beruf kennt. Sie können es sich oft aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Und das sind meistens nicht die Kliniken in kleineren Städten, sondern in den Metropolen. Dort gibt es einfach mehr kulturelle Angebote und Freizeitmöglichkeiten.

Autor: Roland Kroiss

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