11.10.2017 Passau

Premiere am Stadttheater Passau

Und ewig lockt der Kerschgeist!

Der Boandlkramer (Reinhard Peer) auf seinem abenteuerlichen Gefährt mit dem »Zombie« Brandner Kaspar (Joachim Vollrath) - und dem ewig lockenden Kerschgeist.
Foto: Peter Litvai
Wolfgang Maria Bauers vergnügliche Fortsetzung vom „Brandner Kaspar“.

Sie wird als „bayrischste aller bayrischen Geschichten“ bezeichnet und ist sehr populär und wahrlich „Kult“ geworden: „Die G’schicht vom Brandner Kaspar“. Wolfgang Maria Bauer, Oberspielleiter am Landestheater Niederbayern, Regisseur, Autor und Schauspieler („Tatort“, „Hindafing“) hat sich an eine Fortsetzung gewagt: Er lässt den bauernschlauen Brandner mithilfe des Boandlkramers aus dem Paradies flüchten – weil ihm dort unendlich fad is‘; und weil er den Mann seiner Enkelin Marei, den Flori, vor einem großen Unglück bewahren muss! Als „lebender Toter“ – quasi als „Walking Dead“/„Zombie“ – sorgt er für ein Chaos auf Erden wie im Himmel. Und am Ende lenkt der Portner wieder alles in geordnete Bahnen.


Einen derart populären Stoff fortzusetzen, auf Neudeutsch: ein Sequel zu schreiben und zu inszenieren, birgt die Gefahr, gewaltig abzustürzen. Nach Joseph Berlinger, der den Brandner vor zwei Jahren in einem Schloss bei Regensburg vom Himmel in die Hölle schickte, wagt Bauer „Der Brandner Kaspar kehrt zurück“. Bauer hat in der legendären „Brandner“-Inszenierung, die weit über 1 000-mal am Münchner Residenz-Theater gespielt wurde, in den 1990ern den Flori gespielt. Noch mit dem Ensemble, das wesentlich zur Popularität der Theaterfassung der nur wenige Seiten kurzen Erzählung von Franz von Kobell beigetragen hat: Gustl Bayrhammer als Portner, Fritz Straßner als Brandner und vor allem Toni Berger als Boandlkramer, als einschichtiger (will heißen: nicht die hellste Kerze auf der Torte) Tod, der sich vom bauernschlauen Kaspar erst mit Kerschgeist rauschig machen und dann beim Karteln bescheißen lässt.


Der Brandner traut sich was: dem Tod 18 weitere Lebensjahre abzuluchsen. Um festzustellen: Es hat schon seinen Sinn, dass es ihm so aufgesetzt war, denn nicht lange und der Brandner ist gar nicht mehr glücklich auf Erden, da alle seine Lieben nicht mehr sind.


Hier ist schon ein großer Unterschied zwischen Original und Bauer-Fortsetzung: Hat das Ur-Stück noch viele ernste Passagen, so kommt der neue „Brandner“ durchgehend heiter daher: Nach sieben Jahren im Paradies hängt dem Brandner das tägliche Weißwurscht-Frühstück im bayerischen Himmel (inklusive Weißbier) zu den Ohren raus, ihn sticht wieder der Hafer – und auf Erden ist sein Eingreifen von Nöten. Der „Boandl“ muss ihn retour bringen, natürlich ist der mit der Aussicht auf Kerschgeist schnell zu überreden!


Wolfgang Maria Bauers Wagnis ist geglückt: Mit lustigen, bisweilen aberwitzigen Einfällen sowie Dialogen und durchaus Mut zur Albernheit begeisterte er das Passauer Premieren-Publikum. Wesentlichen Anteil hat das sehenswert agierenden Schauspiel-Ensemble, das sichtlich Spaß am Spiel hat. Klemens Neuwirth, in der Landestheater-Inszenierung des Originals vor zehn Jahren noch der Brandner, macht eine wunderbare Figur als Portner, der am Schluss Gnade vor Recht ergehen lässt. Der neue „Brandner“, Joachim Vollrath, verkörpert den gewieften „Wiedergänger“ souverän und geradlinig; Jochen Decker hat wieder eine köstlich-komische Rolle, diesmal als Preißn-Heiliger Nantwein auf Freiersfüßen …


Und der Boandlkramer? Der wird wie vor zehn Jahren wieder sehr vergnüglich anzusehen – und anzuhören – dargestellt von Reinhard Peer. Bauer klärt zudem auf: Der „Boandl“ ist eigentlich ein Zwitter, aber im Alter quasi asexuell geworden.


Sehr vergnüglich auch die Szene mit den Heiligen-Figuren, die in Abwesenheit des Pfarrers (Olaf Schürmann in Don-Camillo-Manier) lebendig werden; oder wie Nantwein die Angaben der Witwe Senftl (Antonia Reidel) bei der Himmlischen Meldebehörde „frisiert“, um sie unbedingt ins Paradies zu bekommen. Besonders in Erinnerung bleibt auch die Darstellung des Flori von Julian Niedermeier, Stefan Sieh gibt eindringlich den diabolischen Sandler – und ist auch für die stimmige Musik verantwortlich.


Autor und Regisseur Bauer ist mit viel Liebe zum Detail – auch in der Ausstattung (Bühne: Katja Salzbrenner; Kostüme: Nini von Selzam) –, Wortwitz und einer bis in die Nebenrollen hervorragend aufgelegten Spielschar, eine unterhaltsame Mischung aus Volkstheater und Parodie gelungen, die seine Figuren nicht durch den Kakao zieht, sondern liebenswert-lustig präsentiert. A rechte Gaudi halt!


Weitere Termine unter www.landestheater-niederbayern.de

Autor: Fritz Greiler

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