16.02.2017 Passau

Kreishandwerkerschaft wirbt um Nachwuchs

Tradition verpflichtet: Das Handwerk – eine Frage der Ehre und ein Siegel der Kompetenz

Partner des Handwerks in der Region: die Vorstandschaft der Kreishandwerkerschaft Passau Kreishandwerksmeister Siegfried Piske (Mitte) und seine Schreiner-Ehrenobermeister Franz Ahollinger (links) und Bäcker-Vizeobermeister Hans-Peter Wagner.
Foto: Brandl
Kreishandwerkerschaft Passau: „Wir müssen um jeden und um die besten Köpfe kämpfen“

Die „Handwerkerehre“ wurde als Markenzeichen der Berufskompetenz schon vor Jahrhunderten in den Zünften begründet, belegt und verteidigt. Eine Tradition, die verpflichtet. Heute stehen dafür die Kreishandwerkerschaften und die ihnen angeschlossenen Innungen ein. In der Kreishandwerkerschaft Passau sind das rund 1.000 Handwerksbetriebe aus 16 Innungen vom Bäcker bis zu den Zimmerern, deren Handlungsgebiet sich teilweise über ganz Niederbayern und bis in die Oberpfalz erstreckt. Mit neuen Ideen und großem Einsatz leitet Kreishandwerksmeister Siegfried Piske, Obermeister der Zimmerer-Innung aus Aunkirchen, die Geschicke der Kreishandwerkerschaft Passau. Er wird dabei von seinen beiden Stellvertretern Franz Ahollinger (Ehrenobermeister der Schreiner-Innung aus Passau) und Hans-Peter Wagner (Vizeobermeister der Bäcker-Innung aus Ruderting) sachkundig unterstützt.


Die „Handwerkerehre“ steht für das Trio ungebrochen ganz oben: Man ist stolz auf die Berufskompetenz und der Garantie-Stempel „Innungsbetrieb“ sei gerade in Zeiten der Globalisierung ein angesehenes Vertrauensmerkmal. Deshalb sind sich die Kreishandwerkerschafts-Vorstände sicher: Das Handwerk mit seiner breiten Vielfalt wird nach wie vor „goldenen Boden“ haben.


Die Kreishandwerkerschaft Passau, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit eigener Geschäftsstelle in Passau, versteht sich als Partner des Handwerks in der Region. Vorstandschaft und die einzelnen Innungs-Obermeister werden von den Mitgliedsbetrieben gewählt. Die Kreishandwerkerschaft besetzt die Ausschüsse und Kommissionen zu den Zwischen- und Gesellenprüfungen, organisiert Schulungen und Weiterbildungen, besetzt die Ausschüsse der Tarifgebung und vieles mehr. Die Vorstandschaft der Kreishandwerkerschaft steht den Mitgliedsbetrieben bei verschiedensten Anliegen zur Seite. Und: Die Kreishandwerkerschaft leistet im Verbund mit den einzelnen Fachverbänden Lobby-Arbeit bei Politik und Gesellschaft – sei es beispielsweise beim Thema Handwerksordnung und Ausbildungsleistung über die Verbände im Bundestag oder lokal beim Thema Berufsschulneubau Vilshofen. Bei beidem geht es um die Weichenstellung die Zukunft des Handwerks: den qualifizierten Nachwuchs.


1.500 Lehrlinge bilden die Innungsbetriebe der Kreishandwerkerschaft Passau in ihren vielfältigen Berufsbildern derzeit aus. Allesamt werden am Ende ihrer Lehrzeit Spezialisten ihres Fachs sein. Obwohl 2015 erstmals mehr junge Menschen ein Studium statt einen Ausbildungsberuf ergriffen hätten, sagen die Kreishandwerkerschafts-Vorstände, gäbe es noch genügend junge Menschen, die einen Handwerksberuf ergreifen wollen – aber nicht mehr in jedem Gewerk! Es gibt Berufsbilder z. B. in der Technik oder auf dem Ernährungssektor, die starten durch, andere aber wie Maßschneider oder Schuhmacher stehen schon auf einer „Roten Liste“ der gefährdeten Handwerksberufe. „Wir müssen um jeden und um die besten Köpfe kämpfen“, sagt Hans-Peter Wagner. Und sieht die größte Konkurrenz des Handwerks-Familienbetriebs in der Industrie.


Ziel der Handwerksbetriebe ist es nämlich, dass der Auszubildende als Facharbeiterin oder Facharbeiter dann auch im Betrieb, auf jeden Fall aber im Handwerk bleibt. Fakt ist aber, dass die Industrie den Familienbetrieben den Nachwuchs wegschnappt, sobald diese ihn ausgebildet haben. Der größte Bäcker-Arbeitgeber Bayerns beispielsweise ist Audi in Ingolstadt – dort arbeiten rund 400 ausgebildete Bäcker am Fließband. „Ein Zustand, der alles andere als erfreulich ist“, stellen die Passauer Kreishandwerkerschaft-Oberen fest.


Denn die Zukunft des Handwerks liegt in seiner Top-Qualität. Und dazu gehört eine top qualifizierte Ausbildung, die in den einzelnen Sparten immer diffiziler und komplexer wird. Die unsägliche Abspeck-Debatte um die Finanzierung der neuen zentralen Berufsschule in Vilshofen ist den Passauer Kreishandwerksvorständen daher schier unverständlich. „Die ganze Welt beneidet uns um unser duales Ausbildungssystem. Eine moderne Berufsschule ist daher für die Zukunft unserer jungen Menschen enorm wichtig. Wie aber hier angeblich gebildete Menschenschläge mit unseren jungen Leuten umgehen, für diese Vorgehensweise muss man sich schämen. Die ,Berufspolitiker‘ haben im Fall des Berufsschulneubaus in Vilshofen bisher nicht mit Kompetenz und Erfahrung geglänzt. Und wäre es um einen Bau der Universität gegangen, hätte es diese Debatte nicht gegeben“, liest Kreishandwerksmeister Siegfried Piske der Politik die Leviten.


Qualifikation hört aber mit dem Gesellenbrief nicht auf. Der Meister-Titel ist für Passaus Kreishandwerkerschaft nach wie vor das erstrebenswerte Ziel jedes Handwerkers – trotz Aufweichversuche der Handwerksordnung durch den Bund. Von früher 126 Handwerksberufen müssen nur noch 39 in die Meisterrolle eingetragen werden, wenn man sich selbstständig machen will. Das Erfreuliche aber: Seit dem gab es noch nie so viele Anmeldungen zur Meisterprüfung gerade auch in den „aufgeweichten“ Berufen. Für Kreishandwerksmeister Piske eben ein klares Bekenntnis zur „Handwerkerehre“: „Wertschätzung, Wissen, hoher Ausbildungsstandard – deshalb machen viele junge Leute die Meisterprüfung. Und weil sie stolz auf ihr Handwerk sind“, sagt Piske.


Und genau deshalb wird – trotz Bohrens dicker Bretter – das Handwerk weiterhin „goldenen Boden“ haben. Der Passauer Kreishandwerkerschaft sei nicht bange vor der Zukunft, aber man müsse sich den Herausforderungen stellen. Drei Punkte stehen dabei ganz oben: die Qualifikation der Mitarbeiter, der Kampf gegen die Auswüchse der Bürokratie und gute Leute in den Betrieben halten und an das Handwerk binden. „Dabei“, sagt Franz Ahollinger, „muss man auch psychologisch rangehen und den jungen Menschen Perspektiven in Bereichen außerhalb des Materiellen bieten, die die Industrie mit ihren hohen Löhnen nicht bezahlen kann.“


Ein solches Argument dabei ist wohl auch der Begriff Heimat. Denn das Handwerk vor Ort ist ein gutes Stück Heimat und Regionalität, ja ein gutes Stück Lebensqualität, das jeder vermissen würde, wenn es mal nicht mehr da sein sollte. Auch eine Frage der „Handwerkerehre“…

Autor: Stefan Brandl

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