12.04.2017 Passau

Kinder wurden vom Ex-Mann entführt:

Mutter und ihre Töchter dank Facebook nach 35 Jahren wieder glücklich vereint

Fotos für die Ewigkeit: Den Moment, als sie ihre Mädchen nach 35 Jahren endlich wieder in die Arme schließen konnte, wird Rosemarie Oswald nie vergessen.
Foto: Kerlin
Passauerin erzählt im Buch „Verlorene Jahre“ von ihrem Schicksal.

 „Das ist leider die volle Wahrheit“ – das Leben kann bitter sein, das weiß Autorin Rosemarie Oswald (Anm. d. Red.: Pseudonym) nur zu gut.


In ihrem Buch „Verlorene Jahre“ erzählt die 69-Jährige genau davon. Es war wie Therapie für die Seele: „Ich wollte das Ganze einfach loswerden ... jetzt geht es mir auch viel besser“, so die gebürtige Passauerin.


Im Alter von sieben Jahren hat die Autorin ihre Mutter verloren. Mit 16 wurde sie schwanger von ihrem ersten Ehemann. „Zu jung und zu dumm“ – die Ehe scheiterte, die zwei Kinder Josef und Vera (alle Namen wurden von der Redaktion geändert) wuchsen bei Verwandten auf. Dann traf sie ihren Traummann, ein attraktiver Grieche. „Ich war fasziniert“ – doch der Traum war nur von kurzer Dauer!


11 Jahre lang Schläge und Demütigungen


„Meine zwei Kinder aus der ersten Ehe hat er nicht akzeptiert“, erinnert sich die Rentnerin. Als sie die Kinder in die gemeinsame Wohnung holen wollte, hieß es: „Du hast die Wahl, entweder deine beiden Kinder und ich gehe, oder wir sorgen für unser gemeinsames Kind und heiraten“. Denn zu diesem Zeitpunkt war Rosemarie Oswald bereits schwanger mit ihrer Tochter Svenja. Viel Schmerz habe es sie gekostet, auf das Sorgerecht ihrer Kinder letztendlich zu verzichten.


Wutausfälle, Schläge und Demütigungen hat die heute 69-Jährige seitdem ertragen müssen. Fünf Jahre später kam ihr zweites gemeinsames Kind auf die Welt: Monika. Doch die Ehe wurde nicht besser. Die Eifersucht ihres Costa hat sie in den Wahnsinn getrieben. Jeder Mann, dem sie in die Augen blickte, war ein potenzieller Liebhaber und Konkurrent. „Das war der reinste Zirkus mit ihm“, schildert die Passauerin ihre zweite Ehe. Elf Jahre hat es gedauert, bis sie den Mut fand, ihren Ehemann endgültig zu verlassen. „Ich bin reifer geworden und habe einfach gemerkt, dass das so nicht weitergehen kann“, erzählt die Autorin. Es folgte die Scheidung, auf die der Mann, in den sie einst so verliebt war, nicht mit Verständnis reagierte: „Einen Griechen verlässt man nicht“.


Mit ihren zwei Mädchen wollte Rosemarie Oswald in eine kleinere Wohnung ziehen, gemeinsam mit ihrem neuen Lebensgefährten Werner. Dann kam der Vorschlag ihres Noch-Ehemannes, der auf einmal ganz andere Töne von sich gab: „Lass die Kinder hier, bis du eine Wohnung gefunden hast ... Ich liebe meine Kinder auch und möchte nicht, dass sie hin- und hergeschoben werden“, erinnert sich die Rentnerin an die plötzlich sanften Worte ihres Mannes.


Laut Sorgerechtsurteil hätte sie ihre zehnjährige Monika zu sich holen dürfen, Svenja – 5 Jahre alt – wäre bei ihrem Vater geblieben. „Ich glaubte ihm“, aber eines Tages kam alles anders. „Er ist mit den Kindern bei Nacht und Nebel nach Griechenland abgehauen“, erklärt die Autorin. Sie konnte ihn unter seiner Telefonnummer nicht mehr erreichen, Briefe und Pakete wurden zurückgeschickt mit dem Hinweis „Annahme verweigert“. Dann kam der Scheidungstermin in Griechenland. „Was wollen Sie eigentlich hier, die Kinder sind jung genug, um gute Griechen zu werden“, hieß es vom Richter. Danach durfte die Passauerin ihre Tochter Monika noch einmal sehen – mit einem Polizisten. „Ich hätte sie laut deutschem Sorgerechtsurteil sofort mitnehmen dürfen“, erklärt sie. Doch sie wollte ihre Töchter nicht trennen. Svenja sollte nicht alleine in einem fremden Land zurückgelassen werden. Eine harte Entscheidung, auf die eine schreckliche Zeit für Rosemarie Oswald folgte. Doch ihre Töchter sind ihr heute unendlich dankbar dafür.


„Ich habe die Hölle durchlebt“


Tag für Tag hat sie ihre Mädchen vermisst. Vom deutschen Konsulat gab es keine Hilfe und doch wollte sie die Suche nicht aufgeben. Ihre Kinder lebten schon sieben Jahre in Griechenland, als ein heimliches Treffen klappte. Ihre Svenja war damals bereits 17 Jahre alt und Monika 12. Sie versprachen sich Brief-Kontakt zu halten. Aber ihr Vater kam bald dahinter und der Kontakt war erneut abgebrochen.


Viele Jahre vergingen, in der Zwischenzeit hat sie Kontakt zu ihren beiden Kindern aus erster Ehe gesucht und gefunden. Vor fünf Jahren erlebte Rosemarie Oswald dann ihr größtes Wunder. Sie hörte auf den Rat einer Freundin und startete eine Suche in Facebook. Viel Hoffnung hatte sie nicht: „Ich dachte mir, dass sie bestimmt schon geheiratet und einen anderen Namen haben“, so die 69-Jährige. Aber die Suche war tatsächlich erfolgreich! Svenjas Foto erschien auf dem Bildschirm – ein Moment, den die Rentnerin nie vergessen wird. Sofort wurde der Kontakt aufgenommen. Und es gab noch eine schöne Nachricht: Die Passauerin hatte plötzlich einen 15-jährigen Enkel und eine Enkelin mit 11 Jahren. „Ich war überglücklich“, erinnert sie sich.


Bald darauf gab es endlich das lang ersehnte Wiedersehen mit ihren Töchtern in Griechenland – viele Tränen und viele Fragen nach 35 Jahren. Ihre kleinen Mädchen waren nun erwachsene Frauen und selbst Mütter. Monika ist heute 44 Jahre alt und ihre ältere Schwester Svenja 49 Jahre. Es stellte sich heraus, dass ihr Vater ihnen all die Jahre viele Lügen erzählt hatte.


„Ich habe die Hölle durchlebt, meine Kinder aber auch“, so die Passauerin. Abgesehen davon, dass die Mutter immer fehlte, war die erste Zeit in einem fremden Land mit viel Schmerz verbunden. Sie konnten nicht Griechisch sprechen und hatten dadurch große Probleme in der Schule und im Kindergarten. Mit ihrem Vater hatten sie oft Ärger, besonders als er die heimlichen Briefe fand. Und doch wurde alles gut. Die Schwestern haben ihre eigene Firma gegründet, die Hochzeitsdeko anbietet. „Sie hängen zusammen wie Pech und Schwefel ... da passt kein Blatt mehr dazwischen“, freut sich die 69-Jährige.


Und wenn die Rentnerin sieht, wie toll die beiden mit ihren eigenen Kindern umgehen, hat sie das Gefühl, „dass sie alles nachholen, was sie die ganzen Jahre vermisst haben“. Den Kontakt zu ihrem Vater haben Monika und Svenja nach der ganzen Wahrheit sehr reduziert.


Auch in Passau gab es bereits ein Familientreffen. Da wurde ein letzter Herzenswunsch von Rosemarie Oswald erfüllt. Ihre zwei Kinder aus erster Ehe kamen ebenfalls zu Besuch und alle lernten sich endlich kennen und saßen an einem Tisch ...


Das Buch „Verlorene Jahre“ (Noel-Verlag, 16,90 Euro) von Rosemarie Oswald ist bei Amazon und Weltbild erhältlich.

Autor: Tatjana Kerlin

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