07.06.2017 Passau

Ein Leben für den Zirkus:

Claus, die Pferde und seine große Familie

Claus Lehnert mit Jassi. Ein Leben ohne Pferde und ohne den Zirkus kann und will er sich nicht vorstellen.
Foto: Circus Krone
Ex-Passauer wacht über die Zirkus-Stadt.

Zirkus ist sein Leben. Claus Lehnert ist süchtig – süchtig nach dem Duft-Mix aus Sägespänen und Adrenalin der Manege. Er liebt den Zirkus, er atmet ihn, er lebt ihn irgendwie schon immer. Claus Lehnert hat die großen Metropolen und kleinen Städtchen Europas im Wohnwagen-Tross bereist. Dabei hat alles erst einmal in Passau angefangen. Und hierher kommt er auch wieder zurück – für sechs Tage, wenn er vom 21. bis 27. Juni, mit „seinem“ Zirkus in Passau-Kohlbruck gastiert.


Jockey-Reiterei der Spitzenklasse - ganz vorne Claus Lehnert (antikes Foto).
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Der Zweite Weltkrieg war gerade zu Ende. Ellen, die Mutter des kleinen Claus, hatte einen vierwöchigen Vertrag im tschechischen Prag. Sein Vater Enrico Caroli war einer der berühmtesten Kunstreiter seiner Zeit beim Circus Kludzky. Der kleine Claus durfte in der Zeit des Engagements der Mutter bei seiner Oma bleiben, die in Passau-Hals wohnte. Acht Jahre sollte es dauern, bis er seine Eltern wiedersehen würde. Die Jahre bei der Oma vergingen. Es waren schöne, glückliche Jahre, an die sich Lehnert gerne erinnert: „Einmal, es war Winter, die Ilz war zugefroren und ich hatte neue Schuhe von der Caritas an. Wir schlitterten über das Eis und dann brach ich ein – mit den neuen Schuhen!“ Den Freund, der damals dabei wahr, sieht Claus Lehnert alle drei bis vier Jahre wieder, wenn er mit dem Circus Krone in Passau ist. „Da, wo in Hochstein heute die Hochhäuser stehen, sind wir in unserer Kindheit immer zusammen Schlitten gefahren“, erinnert sich der heutige Circus-Krone-Betriebsleiter. Und noch mehr: „Meine Oma war einmalig für mich. Sie war streng aber sehr lieb. Und für Arbeiten beim Bauern erhielt ich Brot, Milch und Schinken.“ Und einmal rettete ihm die Oma gar das Leben. „Komm zu mir ins Bett, mir ist nicht gut“, bat sie ihren Enkel. Kurz darauf schlug eine Bombe ein – genau dort, wo Claus‘ Bett stand.


Erst als Claus Lehnert ein etwa 13 Jahre alter Teenager war, erhielt er überraschend einen Brief seiner Mutter: „Bin in Prag und komme einen Monat später. Ich konnte nicht bleiben.“ Ein Lebenszeichen, wenigstens das! Claus blieb weiter bei seiner Oma mit ihrem kleinen Häuschen am Halser Friedhof. Aber auch er hörte den Ruf der Manege, spürte adrenalingeschwängertes Zirkusblut durch seine Adern rasen. Claus Lehnert wollte die Kunstreiterschule besuchen.


Ein halbes Jahrhundert bei Circus Krone


Clownerie, Akrobatik – Lehnert probierte Vieles aus, verletzte sich nur ein einziges Mal an der Achilles-Sehne und blieb letztendlich den Pferden treu. Bis 1966 seine Kunstreitertruppe auseinanderging und Claus Lehnert als Einziger bei Circus Krone blieb.


Rund 50 Jahre ist das her und Claus Lehnert liebt ihn noch immer, seinen Zirkus. In bis zu 30 Städten gastiert Circus Krone jährlich und legt auf dem Weg dorthin mit seinem Tross aus etwa 200 Wohnwagen rund 5 000 Kilometer zurück. Pferde liebt er immer noch, aber er vollführt keine Kunststücke mehr auf ihnen. Mit Elefanten oder Raubtieren hat er’s dagegen nicht so. Heute ist Claus Lehnert 80 Jahre alt und als Betriebsleiter zuständig für die Zentimeter genaue Verteilung der Zirkus-Stadt auf den häufig kleinen Standplätzen. „Über 200 Wägen, das muss schon sehr genau ausgemessen werden, damit das auch passt und möglichst viele Stellplatz-Wünsche berücksichtigt werden können.“ Und dann schmunzelt Claus Lehnert: „Früher hieß es ‚Kannst du mich unter einen Baum stellen?‘, wegen dem Schatten. Heute dagegen will keiner mehr unter einen Baum, weil da der Handy-Empfang schlechter ist; und heute hat sowieso jeder Wohnwagen eine Klimaanlage.“ Aber irgendwie geht immer alles auf – auch wenn die Wohnwägen in den Jahrzehnten immer größer und die Plätze immer kleiner wurden. Egal ob ein Schlüssel abgebrochen ist, es persönliche Animositäten gibt oder die Matratze abgebrochen ist, Claus Lehnert ist der Ansprechpartner für alle und alles. Tierschutz und die Steuer sind jedoch zwei Punkte, die Lehnert das Leben wirklich schwer machen.


Jeden Morgen steht er um punkt 6.45 Uhr auf, frühstückt eine Marmeladensemmel, dazu gibt‘s Kaffee mit Milch und schon beginnt das Tagwerk: Werkstatt, Putzkolonne, Stallmeister, Fahrmeister, Elektriker, Ausladen – ohne „Bürgermeister“ Lehnert geht hier gar nix! Und das ist auch gut so! Denn Lehnert fühlt sich nirgendwo wohl wie in seinem Zwölf-Meter-Wohnwagen mit einem Erker zum Ausziehen, Fernseher, Dusche, Küche – alles wie in einer normalen Wohnung. Nur hin und wieder fliegt er mit seiner Frau nach Florida zu ihren Eltern; auch Lehnert‘s Eltern waren seinerzeit dorthin ausgewandert, um mit dem Circus Williams umherzuziehen. Er war bei ihnen zu Besuch, als er seiner späteren Ehefrau begegnete. Seither leben Sie glücklich in ihrem kleinen gemeinsamen Reich in der rollenden Stadt, in der jeder jeden kennt – ein heimeliges Dorf halt! „Und wenn man mir eine Million bieten würde, ich bliebe dem Circus treu“, Claus Lehnert schmunzelt bei diesen Worten. Zum Altwerden hat er eigentlich gar keine Zeit. „Mein Leben beim Circus war hart – aber es gibt beim Circus auch so viele schöne Tage“.

Autor: Tatjana Brand

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