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24.07.2012 Passau
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Eine Wunde, die keinen schmerzt


Tabu-Thema Armut in Passau: MdB Andreas Scheuer will „runden Tisch”.

 

Passau, die schöne, die reiche, die mit Flair gesegnete Stadt mit ihren prunkvollen Bauten aus der fürstbischöflichen Barockzeit, den zierratreichen Fassaden eines wohlhabenden Bürgertums und den modernen Symbolen einer begüterten Gesellschaft. Wie schön ist es doch, in einer Stadt leben zu dürfen, deren derzeit vordringlichstes Problem es ist, wie lange man des nachts das Geld auf den Kopf hauen bzw. sich hinter die Binde kippen kann.
 
Nie würde man hinter diesen Fassaden vermuten, dass es auch ein ganz anderes Leben gibt. Ein Leben mit wirklichen Problemen, ein Leben in Armut, im Dunkeln. Dieses verborgene Leben aber ist genauso Wirklichkeit in Passau – nur will dieses keiner wahrhaben, keiner wissen. Weil diese Menschen, so hat es den Eindruck, gut versteckt werden in Passau. Und wenn sich wirklich einmal einer in die Öffentlichkeit wagt, dann gilt die Parole: Kopf einziehen, Augen zu und schnell vorbei an dem Aso-Penner im Klostergarten!
 
Es tut gut, dass jetzt MdB Andreas Scheuer diese Fassade aufreißt (siehe Bericht Seite 4) und den Finger in eine Wunde legt, die keinen zu schmerzen scheint. Weil Scheuer bis dato wohl selbst nicht ahnte, wie groß das Ausmaß der Armut in seiner Heimatstadt wirklich ist. Und dabei geht es nicht unbedingt um diejenigen, die von Sozialhilfe leben (obwohl die auch ohne „Tafel” nicht über die Runden kommen würden), sondern um Menschen, die noch weniger haben: 50 jeden Tag allein bei der Armenspeisung im Nikolakloster, Verdoppelung der Zahl der Armen in Passau binnen dreier Jahre – das sind erschreckende Fakten. Zumal wir nicht in Berlin-Gropiusstadt oder Duisburg-Ruhrort leben.
 
Kein Zweifel: Ohne die ehrenamtliche Hilfe von Bürgern bei der Caritas, den Tafeln und anderen Organisationen wären diese Menschen ohne jede Chance. Und es ist ebenfalls Fakt, dass z.B. die Tafeln schon seit langem Alarm schlagen, was das Ausmaß der von Armut betroffenen Menschen angeht. Nur: Das Ausmaß der Betroffenheit über diese Tatsache ist eher gegen null einzustufen.
 
Scheuers Vorstoß, einen runden Tisch einzuberufen, um sich mit dem Problem Armut in Passau auseinanderzusetzen, tut deshalb so gut, weil es endlich einmal ein runder Tisch ist, der weiter geht, als über den Tellerrand der eigenen Bedürfnisse wie z. B. „Wie lange sollen wir Party machen?” Es geht überhaupt erstmal um einen Teller. Aber wer kann sich das schon wirklich vorstellen…

Autor: Stefan Brandl

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