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02.10.2012 Passau
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Das Schweigen der Lämmer


Passaus einstiger Oberhirte Wilhelm Schraml und seine blökenden Schäflein.

Es war einmal ein Hirte, der in seiner schönen Hütte saß. Er wunderte sich über seine Schafsherde, die draußen nicht in aller Ruhe weiden konnte. Er wünschte sich ein Schweigen der Lämmer herbei, doch ständig blökten die Tiere. Der Hirte wusste nicht genau, was das zu bedeuten hatte. Wenn er einen Blick nach draußen warf, sah er viele schwarze Schafe, die besonders laut blökten.

 

Der Hirte war schon alt, konnte mit dem Rumgeblöke nichts anfangen und hatte seinen Herrn bereits um den wohlverdienten Ruhestand gebeten. Doch sein Herr hatte ihm geschrieben: „Du darfst noch nicht, du musst die Herde weiter hüten.” Und das Geblöke draußen wurde lauter. Und immer lauter...

 

Wilhelm Schraml ist das Geblöke seiner Schäflein in letzter Zeit viel zu laut geworden. Natürlich hat er bereits vor zwei Jahren sein Rücktrittsgesuch eingereicht. Allerdings ist der Zeitpunkt, zu dem Papst Benedikt XVI. den Rücktritt jetzt angenommen hat, schon bemerkenswert. An Zufall wollen die wenigsten glauben. Der 77-Jährige hatte zuletzt einfach die Nase voll und keine Lust mehr auf demonstrierende Gläubige, Anti-Bischof-Plakate in Ruhstorf oder freche Lokalpolitiker.

 

Das eigentliche „Problem” des Oberhirten Wilhelm Schraml waren nicht seine unbequemen schwarzen Schäflein Wolfram Hatz oder Sebastian Frankenberger, die man in letzter Zeit besonders laut hören konnte: Die Passauer wurden einfach nie richtig warm mit Schraml und trauern noch immer einem Bischof Franz-Xaver Eder hinterher.

 

An Eder erinnert man sich als menschelnden Volksbischof, während Schraml bei vielen als Fürstbischof rüber kam, der vergeistigt in seinem Elfenbeinturm vor sich hin residierte. Die heiß geliebten Bruckner-Symphonien sind bekanntlich Schramls musikalische Passion – bei seinem Vorgänger Eder hatte man da eher Volksmusik im Ohr. Schraml hat in Passau den richtigen Ton nicht getroffen. 

 

So konnte er im berühmten Fall Artinger als Chef eigentlich nur verlieren: Hätte Schraml den Priester in Ruhstorf gelassen, hätte sich die Öffentlichkeit möglicherweise darüber empört, wie er denn an einem Priester festhalten könne, der sich einen Strafbefehl wegen Beihilfe zur Untreue eingehandelt hat.

 

Jetzt ist Wilhelm Schraml päpstlicher Administrator in der Dreiflüssestadt, bis ein neuer Bischof auserkoren worden ist. Wetten, dass auch bei einem neuen Passauer Oberhirten die Schafsherde weiter blöken wird? 

Autor: Martin Reitmeier