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11.09.2012 Passau
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Wenn Kinder aus dem Nest „fallen”

Küken
Foto: Mike Schmitzer
Wie das so ist mit dem Abnabeln und warum Mama einfach die Beste ist.

 

Haben Sie schon mal ein Kind aus dem Nest geworfen? Nun, der Vergleich hinkt, weil Vögel ihren Küken ja einen Schubs geben, sobald sie flügge sind. Bei Menschen aber braucht’s dazu einen langen Anlauf, Kinder werden eher ganz sanft aus dem Nest gehoben. Und wer sollte das besser können, als Mama. Schließlich ist sie es, die ihren Sohn loslassen muss. Bei uns dauerte der Anlauf daher ziemlich genau sechs Tage – mit Stress, Gezeter, kalter Küche und all den anderen mentalen Begleiterscheinungen, die der Abnabelungsprozess so mit sich bringt.
 
Jedenfalls: Am Freitag haben wir unseren Buben (18) dann ziemlich weit weg nach Ravensburg in sein neues Leben als Student umgezogen. Ich kam mir da ein bisschen vor wie James Stewart in „Mister Hobbs macht Ferien” – alle hatten ihren Spaß beim Einrichten und ich durfte Koffer schleppen und Ikea-Regale zusammenschrauben, Nebensächlichkeiten halt.
 
Mama machte klar Schiff, stellte alles dahin,  wo es hingehört, füllte die leere Studentenbude mit heimeliger Gemütlichkeit, so dass der Bub sich wohlfühlen kann und sein altes Zuhause nicht zu vermissen braucht. Und sie dachte auch an sein Knuddeltier „Bobo”, der bei ihm im Bett lag, seit er 0 war. „Bobo” ist wohl die Antenne für die abgenabelte Schnur.
 
Mama war richtig froh, weil Ravensburg eine sympathische Stadt ist. In den mittelalterlichen Gassen brummt das Leben bis Mitternacht. Mamas Urteil: Hier ist der Bub gut aufgehoben. Gott sei dank, das macht es mit dem Abnabeln schon mal ein gutes Stück leichter.
 
Es war verdächtig still, als wir Samstagabend wieder daheim waren. Wie’s dem Bub wohl gehen wird, so ohne Mama? Keine Sorge, das Handy hält die Verbindung aufrecht – auch irgendwie eine Art Nabelschnur. Am Sonntag bin ich ziemlich früh aufgestanden, vielleicht, weil ich testen wollte wie das ist, wenn keiner „Mama!” nach oben blatzt, nur um zu schauen, ob Mama schon für ihn bereit steht. Und wie das ist, wenn keiner sich in der Unterhose an den Frühstückstisch setzt. Testergebnis: irgendwie jetzt schon ungewohnt.
 
Abends gingen Mama und ich schön essen. Mit der Speisekarte kam die SMS „Mama, ich glaub ich krieg Durchfall”. Mama kann sowas natürlich nicht ignorieren. Sie ist halt einfach die beste Mama von der Welt. Das weiß auch der Bub – spätestens jetzt auf jeden Fall! Und ehrlich gesagt, ich jetzt auch.
 
Übrigens: Wir haben ihm daheim ein „Ersatznest” gebaut. Freitag will er ja auf die Dult…

Autor: Stefan Brandl

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