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11.06.2012
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Leider nervt „Leider Geil"!


Aaaaaah! Ich kann es nicht mehr hören!

Egal, ob im TV, im Radio oder auf Facebook: überall hört bzw. liest man in unerträglicher Übersättigung den nervtötenden Ausspruch und gleichnamigen Songtitel „Leider geil!” der aktuell wieder erfolgreichen deutschen Elektro-Rapper von „Deichkind”. Für mich ist das mittlerweile leider echt kein Spaß mehr und definitiv alles andere als geil. 

 

Haben die Generationen vor mir mit dem Adjektiv „geil” noch fast ausschließlich Sexuelles verbunden, schaffte das Wort ab den 80er-Jahren auch immer häufiger den Einzug in den Jugendsprachgebrauch. Die verschiedensten Abwandlungen und Steigerungen waren die Folge. Am berühmtesten ist wohl Dieter Bohlens „megageil” geworden. Doch dem Kultvokabular des Pop-Titan droht jetzt ernsthafte Gefahr. Man könnte auch schon fast von einer Wachablösung sprechen, denn anno 2012 ist scheinbar alles, jeder Mann und jede Frau nicht nur „geil” sonder vielmehr „leider geil”. Besonders bei Facebook-Postings erfreut sich der Ausdruck außerordentlicher Beliebtheit und wird von vielen meiner virtuellen Freunde so ziemlich jedem Posting pauschal angehängt. Man könnte fast behaupten, „Leider geil” hat sich mittlerweile sogar schon den Status einer universellen abschließenden und vor allen Dingen unverzichtbaren Wertung des eigenen Erlebens und Handelns etabliert.


Der ach so leckere erste Kaffee am Morgen, die neuen Jimmy Choo-Schuhe aus der ebay-Versteigerung, die Stimmung im Szene-Club, die erfolgreich absolvierte Uni-Prüfung, die neuen Sommerfelgen, die Feierabend-Halbe auf dem Balkon, mit ein bisschen Glück vielleicht sogar die eigene Freundin, alles ist nunmal offensichtlich heutzutage „leider geil”.


Aber ich habe immer noch nicht so ganz kapiert, was eigentlich dieses ständige „leider” bedeuten soll? Man bedauert allen Ernstes zutiefst, dass der Shopping-Tag mit der Busenfreundin geil war? Man entschuldigt sich schon mal vorsorglich dafür, dass man nunmal den geilsten Typen auf diesem Planeten markieren möchte? Tut mir leid, ich bin raus und mit Ende 20 wohl auch schon zu sehr „Komposti” um das noch zu schnallen. Oder ist am Ende doch alles ganz anders?

 

Weiß in der Generation Web 2.0 überhaupt irgendwer noch wessen Hirnschlamm er denn da so tagtäglich recycled? Gibt’s heute überhaupt noch den Schlüsselreiz für ein bisschen Individualität, einen flotten Spruch, eine gute Pointe oder einfach nur ein flapsiges Wort, welches dem eigenen Rechenzentrum entsprungen ist? Oder ist das jetzt leider gar nicht mehr so geil angesagt, weil man das jetzt doch alles auch so geistfrei geil „teilen” kann?


Egal, ich kauf mir jetzt auf jeden Fall noch eine Maß auf der Dult – leider süffig! Prost! 

 

Autor: Martin Bauer