11.10.2017 Traunstein / Landkreis Mühldorf

Zwei Tote, eine Verletzte, eine Verhandlung

Nach tragischem Motorradunfall: Wie ist mein Bub gestorben?

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„Wie ist mein Bub gestorben?“ Dies ist seit mehr als zwei Jahren die wichtigste Frage für den Vater eines im August 2015 bei einem tragischen Verkehrsunfall um das Leben gekommenen 18-Jährigen aus dem Landkreis Mühldorf. Aufklärung soll ein Zivilprozess vor dem Landgericht Traunstein bringen. Angeklagt sind die Familie eines beim gleichen Unfall getöteten Bikers und dessen Versicherung.

Die Eltern erhoffen sich Aufklärung über ihren Zivilprozess vor dem Landgericht Traunstein gegen die Familie eines bei dem gleichen Unfall getöteten 57-jährigen Motorradfahrers und dessen Versicherung. Prozessauftakt war bereits im Mai 2017. Am Mittwoch, 11. Oktober, hörte die Siebte Zivilkammer mit Richterin am Landgericht Dr. Evamaria Steinberger als Einzelrichterin weitere Zeugen an. Wann das Verfahren weitergeht, ist derzeit noch nicht bekannt.

 

Der 18-Jährige mit seiner gleichaltrigen Sozia und vier Biker-Freunde waren am 21. August 2015 gegen 18 Uhr unterwegs zu einer Feierabendtour Richtung Trostberg/Chiemsee. Die fünf Motorradfahrer fuhren auf der Staatsstraße 2091 von Taufkirchen in Richtung Peterskirchen. Der Auszubildende befand sich im hinteren Bereich der Gruppe. Kurz vor der Grenze zum Landkreis Traunstein kam ihnen der 57-jährige Chopperfahrer entgegen. Aus letztlich ungeklärter Ursache stießen der 18-Jährige und der 57-Jährige mit ihren Maschinen im Bereich der Fahrbahnmitte frontal zusammen.

 


Durch die Wucht des Aufpralls wurde der 57-Jährige tödlich verletzt. Er verstarb sofort an der Unfallstelle. Der 18-jährige Kradfahrer und seine Begleiterin erlitten schwere Verletzungen. Sie wurden mit zwei Rettungshubschraubern in Krankenhäuser transportiert. Der 18-Jährige erlag seinen lebensgefährlichen Verletzungen zwei Tage später im Kreisklinikum Traunstein. Die Schülerin überlebte den schrecklichen Unfall, konnte aber später kaum etwas zum genauen Ablauf sagen und ist bis heute traumatisiert, wie der Vater des Getöteten gestern auf Frage unserer Zeitung berichtete. Die anderen vier Motorradfahrer aus der Gruppe des jungen Mannes blieben unverletzt. An beiden Fahrzeugen entstand jeweils Totalschaden, insgesamt etwa 20 000 Euro. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wurde letztlich eingestellt.

 

​Der Vater des 18-Jährigen und seine Frau zogen vor Gericht. Wie ihr Anwalt, Eberhard Bubb aus Landshut, auf Anfrage betonte, glauben die Eltern, die Ermittlungsbehörden hätten nicht alles unternommen, den Unfall aufzuklären. Zwar seien Schadensersatz und Schmerzensgeld in von der Klagepartei nicht genannter Höhe Gegenstand des Verfahrens. Entscheidender sei aber, mehr über den Geschehensablauf und damit auch die Schuldfrage zu erfahren, so der Anwalt.

 

Sowohl am ersten Verhandlungstag im Mai 2017, als auch heutigen Mittwoch, saßen zahlreiche junge Leute aus dem Freundeskreis des verstorbenen 18-jährigen in den Zuhörerreihen. Sie verfolgten die Aussage eines 32-jährigen Zeugen aus Waldkraiburg, der damals als zweiter in der Bikergruppe gefahren war. Er hatte mit dem 18-Jährigen während der sechsmonatigen Freundschaft um die zehn Touren unternommen. Der Zeuge schilderte, man sei an jenem Abend auf der Staatsstraße 2091 dem Chopperfahrer begegnet, der mit Handgeste gegrüßt habe. Plötzlich habe er, so der 32-Jährige weiter, bemerkt, dass hinter ihm und seinem Vordermann niemand mehr gekommen sei. Sie hätten gewendet. Alle drei Opfer seien auf der Fahrbahn gelegen. Zwei aus der Gruppe hätten das Motorrad von dem 18-Jährigen und der Schülerin Richtung Straßenrand heruntergezogen. Erst seien zwei Krankenschwestern, dann ein Polizist, der einige Fotos gemacht habe, auf dem Weg zur Arbeit in seiner Dienststelle in Waldkraiburg eingetroffen, dann Feuerwehr, Rettungskräfte und mehrere Polizeistreifen.

 

Richterin Dr. Evamaria Steinberger fragte nach der genauen Lage der verunfallten Motorräder bei der Ankunft des Zeugen und ob sie verlagert worden seien, etwa für die Aktionen von Notärzten und Rettungssanitätern. Das vermochte der 32-Jährige nicht auszuschließen. „Völlig neu“ für den Klägeranwalt und seinen Kollegen auf der Beklagtenseite, Andreas Knoll aus Waldkraiburg, waren Fotos des allerersten Polizisten am Unfallort. Jetzt werden wohl beide Seiten versuchen, an die Aufnahmen als mögliche Beweismittel zu gelangen.

 

​In der Nähe der Unfallstelle an der Landkreisgrenze war damals eine Streife der Polizeiinspektion Trostberg. Die Einsatzzentrale beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd schickte sie hin. Eine 30-jährige Beamtin sah den blutenden 57-Jährigen und erkannte, dass ihm nicht mehr zu helfen war, wie sie gestern in dem Prozess informierte. Rettungskräfte hätten sich um den 18-Jährigen und die Schülerin bemüht. Die Polizistin befragte die übrigen Biker, sondierte, was passiert war. An die Situierung der Maschinen auf der Fahrbahn erinnerte sich die Zeugin gestern nicht: „Erste Hilfe ging vor.“ Beklagtenvertreter Andreas Knoll beantragte, zusätzlich ihren damaligen Kollegen, der ebenfalls Fotos an der Unfallstelle anfertigte, als Zeugen zu laden. An einem späteren Termin wird der unfallanalytische Sachverständige, Michael Heim aus Waging, seine Erkenntnisse vortragen. Die Kläger wollen einen weiteren Gutachter einbringen. Wann und wie das Verfahren weitergeht, gibt die Richterin auf dem Büroweg bekannt.

Autor: kd

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