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29.02.2012 Deutschland
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Geld wichtiger als die Ehre

Geld
Foto: M. Reitmeier
von Michael Kolpe

Jetzt ist es amtlich: Ex-Bundespräsident Christian Wulff bekommt nach nur 600 Tagen im Amt „seinen" Ehrensold und damit 199000 Euro pro Jahr bis zu seinem Lebensende. Auf den ersten Blick scheint diese Entscheidung eine himmelschreiende Ungerechtigkeit zu sein. Aber Vorsicht! Was einem rechtlich zusteht – das gilt auch für einen (schuldhaft) gescheiterten Bundespräsidenten. Dass dafür ein juristischer Winkelzug notwendig war, ist gelinde gesagt unappetitlich. Das Bundespräsidialamt sei nach Prüfung zu dem Ergebnis gekommen, dass die Voraussetzungen für den Ehrensold erfüllt seien, weil er aus „politischen Gründen” aus dem Amt geschieden sei. Mit dem Wörtchen „politisch” war die Tür für die Gewährung des Ehrensolds offen. In dem Wort Ehrensold steckt aber auch „Ehre” – und die ist zumindest zu hinterfragen.

 

Kein Wort findet sich in der Erklärung, was zu den „politischen Gründen” geführt habe. Was hat dazu beigetragen, dass Wulffs Vertrauen und seine Wirkungsmöglichkeiten „nachhaltig beeinträchtigt” gewesen seien, wie der Ex-Bundes-Präsi in seiner Rücktrittsrede proklamierte. War es nicht er, Wulff, der diese ausweglose Lage herbeigeführt hat? Haben sein persönliches Fehlverhalten, seine Halbwahrheiten, die in meinen Augen von Halblügen nicht zu unterscheiden waren, seine Hinhalte-Taktik, seine Drohgebärden gegenüber der Presse und vieles mehr nicht dazu geführt, dass der „Rubikon” überschritten war. Wulff also wieder das Opfer, der Gejagte? Das Fazit lautet für mich: Ein Amtsinhaber muss sich nur so lange persönlich daneben benehmen, bis er politisch nicht mehr tragbar ist. Und schon hat er vor Ende seiner regulären Amtszeit ausgesorgt – bis zu seinem Lebensende!

 

Diese Entscheidung wird nur eines zur Folge haben: Noch mehr Politikverdrossenheit! Der politischen Kultur in unserem Lande dient es nämlich nicht, wenn ein 52-Jähriger mit dieser Vita mit soviel Kohle in „Rente geschickt wird” . Wohin würde ein 52-jähriger Arbeiter oder auch Ingenieur nach einem Jahr Arbeitslosigkeit fallen – in Hartz IV, aber auch nur, wenn er vorher seine Ersparnisse aufgebraucht hat. Wulff hingegen hat nun die Möglickeit, sein Haus in Großburgwedel komplett abzubezahlen, ohne auch nur noch eine Stunde in seinem alten Beruf als Jurist tätig werden zu müssen. Und auch Ex-Bundeslady Bettina wird nie wieder als Presserefentin bei Rossmann arbeiten.

 

Christian Wulff könnte aber als Großer noch in die Geschichte eingehen: Wenn ihm seine Ehre wichtiger ist als sein Sold, dann müsste er JETZT darauf verzichten und den Sprung in ein neues Leben wagen. Die Herzen würden ihm wieder zufliegen. Ob Wulff die Achtung der Menschen das wert wäre? Mit Verlaub: Ich wage es zu bezweifeln.

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