10.08.2017 Landshut

Hinterbliebene von Unfallopfern müssen mit wenig auskommen

Witwer klagt an: Das ist doch keine Gerechtigkeit

Der Unfall, bei dem Elizabetha Selezsan ums Leben kam.
Foto: lw
Der Aktenordner ist dick, der vor Harald Selezsan auf dem Tisch liegt. Es ist die juristische Abhandlung eines schrecklichen Dramas. Am 3. September 2015, es war ein Donnerstag, um 13 Uhr, änderte sich das Leben des 42-Jährigen und das seiner beiden Töchter mit einem Schlag.

Auf dem Weg in die Spätschicht übersieht ein Lkw-Fahrer, der abbiegen will, die Frau und Mutter der Familie, überrollt die Frau. Die damals 38-Jährige stirbt noch an der Unfallstelle. Der Fall ist jetzt juristisch aufgearbeitet. Doch in Harald Selezsan rumort es. „Es ist noch immer schwierig ohne Elizabetha“, sagt er. Für den Familienvater der blanke Hohn: Der Täter kommt mit einer Geldstrafe in Höhe von 4.800 Euro davon.

 

In Deutschland ist es durchaus üblich, dass solche Tragödien im Straßenverkehr, im Juristendeutsch nennt man das fahrlässige Tötung, mit einem Strafbefehl und einer Geldstrafe abgehandelt werden.

 

Alle durch das Unglück entstandenen Kosten, zum Beispiel für die Beerdigung, werden erstattet. Hinterbliebene wie Selezsan bekommen von der Berufsgenossenschaft eine Witwerrente, in diesem Fall etwas mehr als 700 Euro, das war‘s. Womit Menschen wie der 42-Jährige alleingelassen werden, das ist der unglaubliche Verlust. Die Wut und das Gefühl, dass derjenige, der ihnen das Liebste auf der Welt genommen hat, mit einer glimpflichen Strafe davongekommen ist. „Er (der Unfallverursacher), darf weiter Lkw fahren. Er hat seinen Führerschein behalten“, sagt Selezsan.

 

Besonders wütend macht ihn: „Es gab nicht einmal eine Verhandlung, ich durfte nicht dabei sein.“ Bei einem Strafbefehl kommt nur ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft. Akzeptiert der Beschuldigte die ihm auferlegte Strafe, ist das Thema erledigt. Das Verfahren wird bei voraussichtlich geringfügigen Strafen angewandt. Es soll die Gerichte entlasten. Was die Justiz entlastet, ist aber für dieHinterbliebenen von Unfallopfern geradezu unerträglich. Viele haben das Gefühl, dass das Leben eines geliebten Menschen nicht mehr Wert ist, als ein paar Tausend Euro Strafe. So geht es auch Harald Selezsan.

Harald Selezsan mit seiner Tochter.
Bild(er) ansehen
Harald Selezsan mit seiner Tochter.

Der gebürtige Rumäne ballt die Faust: „Ich will, dass jetzt wenigstens die gegnerische Versicherung bezahlt“, sagt er. Wenigstens die soll seinen schweren Verlust anerkennen. Doch das ist nahezu aussichtslos. Sein Anwalt hat ihm das auch erklärt und hat angekündigt, das Mandat niederzulegen, wenn er keine Ruhe gibt. Der Grund: Die Versicherung hat all das bezahlt, was ihm nach deutschem Recht zusteht.

 

Das ist wirklich nicht viel, schon gar nicht reicht es aus, um den Schmerz zu lindern und die Wunden zu heilen, die der tragische Tod seiner Frau bei ihm und seinen beiden jungen Töchtern gerissen hat. Er will auch nicht betteln. Der Möbelpacker will keine Almosen von anderen Menschen. „Was ich will, das ist Gerechtigkeit.“

 

Schreiben der gegnerischen Versicherung, in dem seine Einkünfte aufgelistet werden, empfindet er als Schlag ins Gesicht. Dort wird ihm nüchtern vorgerechnet, dass er für seine Familie mit einem Gesamteinkommen von 2.388 Euro – die Witwerrente von der Berufsgenossenschaft und die Halbwaisenrente seiner minderjährigen Tochter (14) eingeschlossen – genug Geld zur Verfügung hat.

 

Das ist für eine dreiköpfige Familie in Landshut nicht viel. Vor allem, weil die 19-jährige Tochter jetzt ins Berufsleben startet und auch keine Waisenrente mehr bekommt. Doch darum geht es dem 42-Jährigen nicht. „Ich will Gerechtigkeit“, betont er noch einmal und ist sogar bereit, durch die Instanzen zu gehen, auch wenn das wohl aussichtslos ist. Eine Wiedergutmachung für das, was ihm und seinen Töchtern passiert ist, kann es ohnehin nicht geben.

Autor: Alexander Schmid

Weitere Nachrichten aus dem selben Ort:

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Kommentare ansehenKommentieren

Titel:
Text:
 
(noch Zeichen)
Unregistrierte Nutzer
 
 

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.

Geben Sie bitte folgende Daten an.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden! Mit dem Login erklären Sie sich mit den Nutzungsbedingungen einverstanden.

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Tragen Sie bitte A in das Feld ein.: 


pfeil