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18.04.2012 Landshut

Kapriolen um Alptraum-Hinterlassenschaft

Judith und ihre Erbschaft: Es wird immer abenteuerlicher


Die alleinerziehende Mutter dreier Kinder muss mehr denn je ihren Ruin fürchten.

Eine gut gemeinte Hinterlassenschaft und ihre Folgen: Der Wochenblatt-Bericht über den verzwickten Erbschaftsfall von Judith Auras hat im Herbst vergangenen Jahres für viel Aufsehen gesorgt. Viel Anteilnahme am Schicksal der alleinerziehenden Mutter (35, Bild oben mit Töchterchen Estelle) dreier Kinder gab es, die durch eine Erbschaft vor dem Ruin steht. Mittlerweile wird dieser Erbschaftsfall immer abenteuerlicher, immer kurioser.

 
Anfang März gab es vor der 4. Zivilkammer des Landgerichts Landshut eine mündliche Verhandlung. Vor Einzelrichter Dr. Alexander Ecker sollte geklärt werden, ob und in welchem Umfang die Schwester von Judith Auras Pflichtteilsansprüche geltend machen kann. Via Wochenblatt-Artikel aufmerksam geworden, war auch ein Sat.1-TV-Team bei dem Gütetermin mit von der Partie.
 
Der Termin lief gut für Judith Auras, sehr gut sogar. Richter Ecker schwenkte ganz und gar auf die Argumentationslinie von ihrem Anwalt, dem Landshuter Erbschaftsrechtsexperten Christian Schmid, ein. Das an Judith Auras vererbte Familienanwesen, ein Wohnhaus in Pfarrkirchen im Wert von geschätzt 250.000 Euro, müsse bei der Bewertung des Pflichtanteils außen vor bleiben.
 
Grund: das Wohnrecht, das der verstorbene Vater von Judith Auras für seinen Lieblingsenkel Felix in dem Haus verfügt hatte.
Aufatmen bei der alleinerziehenden Mutter, die bei einer sozialen Einrichtung im Landkreis Landshut arbeitet. Protest und die Ankündigung eines Einspruchs von der Gegenseite.
 
Die Parteien zogen von dannen und der Richter in sein Kämmerlein, wo er den Fall offensichtlich noch einmal überdachte – und zu einem vollkommen gegensätzlichen Ergebnis kam. Flugs verfasste er einen sogenannten Hinweisbeschluss, informierte die Parteien darüber, dass er es sich anders überlegt hatte. Er regte eine einvernehmliche Lösung an. Judith Auras solle an ihre Schwester 35.000 Euro zahlen; damit sei der Fall erledigt.
 
Ein Sinneswandel, der Judith Auras’ Anwalt Christian Schmid noch immer erbost: „Offensichtlich war der Richter auf die mündliche Verhandlung kaum vorbereitet. Wie sonst kann es sein, dass er es sich schon Stunden nach deren Ende komplett anders überlegt.“ In der Verhandlung sei noch eine Abfindung von 12.000 Euro für die Schwester seiner Mandantin im Raum gestanden. Machbar. 35.000 Euro, wie vom Richter vorgeschlagen, oder gar 50.000, wie von der Gegenseite gefordert – unmöglich. Keine Bank der Welt würde einer alleinerziehenden Frau dreier Kinder mit einem Nettogehalt von 900 bis 1.000 Euro einen solchen Kredit einräumen.
 
Und jetzt? Sind die Fronten festgefahrener denn je. Denn zu allen Überfluss ist das Schreiben mit dem Hinweisbeschluss des Richters nie bei Anwalt Schmid angekommen. Er und seine Mandantin wägten sich in Sicherheit. Der Richter fasste dann einen noch radikaleren Beschluss. gab der Klage der Gegenseite statt und verurteilte  Judith Auras zu Zahlung von knapp 74.000 Euro plus Zinsen plus Übernahme der Kosten des Rechtsstreits. Die alleinerziehenden Mutter fiel aus allen Wolken, als sie von diesem Beschluss erfuhr, fragt sich noch immer: „Auf welcher Verhandlung war ich eigentlich?“
 
Für ihren Anwalt macht es tatsächlich keinen besonders großen Unterschied, denn: „Meine Mandantin kann keine 35.000 Euro bezahlen, keine 50.000 und schon gar keine 74.000 Euro plus x.“
 
Er sieht das Hauptproblem in dem Fall nach wie vor in einer Lücke im deutschen Erbschaftsrecht, die nur mit dem entsprechenden politischen Willen geschlossen werden könne. Gegen das Urteil der Landshuter Kammer will er Berufung vor dem Oberlandesgericht einlegen – sofern dem Antrag seiner Mandantin auf Prozesskostenhilfe stattgegeben wird. Schmid: „Das müssen wir auf jeden Fall versuchen.“
 
So verzwickt ist dieser Fall
 
Darum geht es in dem verzwickten Erbschaftsfall: Der Vater von Judith Auras war gerade erst 59 Jahre alt, als er sich im Juli 2010 ernsthafte Gedanken über ein Testament machte. Die Gedanken wanderten zum Notar, dort wurde der letzte Wille zu Papier gebracht. Und dann passierte das Unfassbare: Drei Monate später verstarb der Vater von Judith Auras.
 
Der Verstorbene hatte es gut gemeint mit seiner Tochter und Mutter seiner drei Enkel. Er bestimmte sie als Alleinerbin, hinterließ ihr ein Wohnhaus samt Familienanwesen in Pfarrkirchen im Wert von rund 250.000 Euro. Dazu Bares in Höhe von etwa 50.000 Euro. Voraussetzung: Sie zieht mit ihren Kindern in dem Haus ein; für seinen Lieblingsenkel Felix (12) hatte der Verstorbene sogar ein eigenes Wohnrecht im hinterlassenen Haus verfügt.
 
Der Haken am letzten Willen: Judith Auras hat noch eine Schwester, die in dem Testament nicht bedacht wurde. Trotzdem steht ihr nach Recht und Gesetz ein Pflichtanteil in Höhe von einem Viertel der Hinterlassenschaft zu. Und den will sie haben. Von ihrer Schwester. Die kann und darf allerdings den letzten Willen ihres Vaters nicht in Bares umsetzen. Erst ihr Sohn Felix ist dazu in der Lage – wenn er volljährig ist…
Autor: Christian Blümel

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