18.02.2015 Landshut

Wer krank ist, muss ziemlich geduldig sein

Ärger im Klinikum: Nach 4 Stunden unbehandelt heim!

Die Notaufnahme des Klinikums platzt aus allen Nähten.
Foto: ar
Wer die Notaufnahme des Klinikums aufsucht, der hat normalerweise ein gesundheitliches Problem, das nicht warten kann. Genau das sollte man aber können, wenn man dort mehr oder weniger freiwillig gelandet ist. Bis der Arzt kommt, kann es durchaus ein paar Stunden dauern.

Die Notaufnahme im Klinikum ist nicht nur räumlich zu klein (das Wochenblatt berichtete), auch personell ist man dem Ansturm der Patienten offenbar nicht mehr gewachsen. Dem Wochenblatt liegen zwei Berichte von Patienten vor, die mit ernsten gesundheitlichen Problemen nach Wartezeiten von jeweils vier Stunden das Krankenhaus unbehandelt wieder verließen. „Die Patientenzahlen in der Notaufnahme wachsen ständig“, sagt dazu die Sprecherin des Klinikums in Landshut, Barbara Jung-Bourzutschky. Offensichtlich ein Ansturm, dem man zu Spitzenzeiten kaum mehr gewachsen ist.

 

Das Klinikum befindet sich dabei in guter Gesellschaft. Erst am Freitag berichtete der Bayerische Rundfunk darüber, dass die Notaufnahmen in München und in Nürnberg völlig überlastet sind. Zeitweise signalisierten die Kliniken in der Landeshauptstadt den Rettungsdiensten, keine Kapazitäten mehr für neue Patienten zu haben. Eine Situation, wie sie auch in Landshut vorkommen kann. „Das passiert aber sehr selten“, so ein Sprecher der Integrierten Rettungsleitstelle (ILS). Grundsätzlich sei es auch so, dass die Krankenhäuser verpflichtet seien, Notfälle, die mit der Ambulanz eingeliefert werden, aufzunehmen. „Meist lässt sich das in einem Gespräch mit den Krankenhäusern auch klären“, so der Sprecher der ILS. Er bestätigte aber, dass es in der Vergangenheit auch schon dazu gekommen ist, dass zum Beispiel das Krankenhaus in Achdorf seine Notaufnahme „abgemeldet“ habe.

 

„Wir machen das nicht“, sagt dazu die Sprecherin des Klinikums. Dafür kann es dort passieren, dass man sprichwörtlich wartet, bis der Arzt kommt – stundenlang. So berichtet ein Patient dem Wochenblatt davon, dass er nach einem Arbeitsunfall am Montag, 9. Februar, nach vier Stunden Wartezeit in der Notaufnahme, trotz „starker Schmerzen beim Sitzen“ nicht behandelt worden sei. Der Mann hatte vor knapp einer Woche einen Arbeitsunfall und war vom zuständigen Arzt der Berufsgenossenschaft wegen Prellungen der Lendenwirbelsäule und des Beckens zur weiteren Abklärung und zur Schmerztherapie an das Krankenhaus verwiesen worden. „Ich bin dann nach Hause und hab mich hingelegt. Mir kam es so vor: ,Am besten gar nicht hinsehen.‘ Muss ich das hinnehmen?“, fragt er sich jetzt.

 

Offenbar ja, denn es gibt auch noch gravierendere Fälle als seinen. Zum Beispiel den einer 18-jährigen Frau mit einer ernsthaften Darmerkrankung, wegen der sie im Klinikum bereits operiert worden war. Weil Blut aus der Operationswunde austrat, wurde sie in der Interdisziplinären Notaufnahme (IDA) Anfang Dezember vorstellig. Die Aufnahme im Krankenhaus, das belegen die Akten, war laut Aufnahmeblatt um 11.29 Uhr. Um 14 Uhr ist der Patientin laut Unterlagen dann mitgeteilt worden, dass sie sich noch etwa eine Stunde gedulden müsse.

Auch im Kreiskrankenhaus in Achdorf hat man in der Notaufnahme gut zu tun.
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Auch im Kreiskrankenhaus in Achdorf hat man in der Notaufnahme gut zu tun.

Als sich um 15.30 Uhr, also knapp vier Stunden später, eine Chirurgin, die bis dahin operiert hatte, um die junge Frau kümmern wollte, war die bereits weg. Sie hatte sich ins Krankenhaus Achdorf bringen lassen, wo sie dann stationär behandelt wurde.

 

In der Stellungnahme des Chefarztes des Klinikums, die dem Wochenblatt vorliegt, heißt es: „Wartezeiten in der IDA sind bekannt und sorgen immer wieder für Ärger, aber ein zusätzlicher Bereitschaftsdienst ist in der Organisationsstruktur des Klinikums nicht vorgesehen.“ Trotzdem würde man ständig überlegen, „wie wir den Ablauf in der IDA beschleunigen können. Nur wenn der Bereitschaftsdienst im Operationssaal steht, steht er nicht der IDA zur Verfügung.“

 

Das Klinikum bräuchte also dringend mehr Personal. Vor allem, weil die Patientenzahlen immer weiter steigen und das Personal an seine Belastungsgrenze bringt.

 

Laut Klinikums-Sprecherin wurden allein an dem Tag, an dem der junge Landshuter mit seiner Wirbelsäulenprellung in der Notaufnahme saß, 216 Patienten behandelt. Das große Problem: Immer mehr Menschen suchen auch mit Erkrankungen die Notaufnahme auf, die beim ärztlichen Notdienst besser aufgehoben wären. Bis zu 22.000 Patienten im Jahr nimmt das Klinikum über die Notaufnahme auf. Abgewiesen wird keiner. Mitbringen sollte man aber viel Geduld.

 

DER SKANDAL IST MITTLERWEILE ALLTAG

Kommentar von Alexander Schmid

 

Ist es ein Skandal, wenn man mit einer blutenden Wunde oder rasenden Rückenschmerzen nach einem Arbeitsunfall vier Stunden auf einen Arzt warten muss? Ja, das ist es. Allerdings ist es einer, für den weder das Krankenhaus noch das medizinische Personal etwas können. „Muss ich mir das gefallen lassen?“, hat ein Patient gefragt, der nach stundenlangem Warten in der Notaufnahme des Klinikums unbehandelt wieder ging. Die traurige Antwort lautet: Ja! Und schuld daran ist unser Gesundheitssystem, auch wenn man zuerst einmal eine pampige Krankenschwester oder einen unfreundlichen Arzt im Verdacht haben mag, der, ohne einen zu beachten, im Krankenhausgang an einem vorbeischwirrt.

 


Dass die Mediziner und Pflegekräfte schlechte Laune haben, das kann man bei ihrem Arbeitsalltag nachvollziehen. Der Druck, der auf ihren Schultern lastet, ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Nicht die Facharztpraxis, wo man erst einen Termin in sechs Wochen bekommt, nicht die Hausarztpraxis, wo Kassenpatienten nicht mehr angenommen werden, weil das Budget schon erschöpft ist, sind die Orte, wo man als normaler Bürger die Folgen unserer Gesundheitspolitik am deutlichsten zu spüren bekommt. Es ist die Notaufnahme der Krankenhäuser. Dort landen immer öfter die Hilfe suchenden Patienten, weil sie nicht mehr wissen, wohin. Allerdings ist man dort finanziell und damit auch personell für eine solche Situation gar nicht gerüstet.

 


Es sind zwar Milliarden in unserem teurem Gesundheitssystem unterwegs, allerdings hat die Politik es glorreich geschafft, dass die nicht bei den Patienten ankommen. Stattdessen wurde ein Bürokratiemonster geschaffen, das für jeden Patienten nur einen Betrag „X“ in einem bestimmten Zeitraum vorsieht.

 


Das Gesundheitssystem war lange Zeit ein Zeichen unseres Wohlstandes in Deutschland, einem reichen Land, das sich lange auch seiner sozialen Verantwortung bewusst war. Das ist vorbei. Der „Skandal“ in der Notaufnahme ist längst Alltag geworden.



 

Autor: Alexander Schmid

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