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25.09.2011 Kelheim/Ingolstadt
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Wohl und Wehe im Sex-Geschäft


Wie geht das Sex-Geschäft? Die Wochenblatt-Redaktion Kelheim hat sich auf einer Sexmesse umgehört. Gespräche und Eindrücke mit Lena Nitro, Samira Summer, mit Filmhändlern und Fetisch-Fachleuten und mehr finden Sie hier. Plus, natürlich: eine Bildergalerie. Wir sind ja nicht so.

ACHTUNG, liebe Leserinnen und Leser: Dieser Text mitsamt Bildergalerie erschien im letzten Jahr nach einem Besuch der Eros & Amore in Ingolstadt. Diese Messe findet auch dieses Jahr wieder statt (vom 31. August bis zum 2. September.)

 

Ausgewählt hat die Redaktion die Eros & Amore, eine Messe, die die Passauer Konzertagentur Forster organisiert und in diversen Städten veranstaltet. Mit im Gepäck Lena Nitro, Videorama-Girl und Happy Weekend-Botschafterin; soll heißen: Pornofilme und allerlei Drumherum. Ebenfalls da ist Samira Summer, die seit einigen Jahren erfolgreich eine Agentur für allerlei körperakrobatische Darbietungen betreibt; dazu gibt es weitere Models, auch männliche, auf diversen Showbühnen, einige Fetisch-Stände mit diversen Ausrüstungsgegenständen und Klamotten, Sexspielzeug, Tätowierer, heiße Massagen, Filmverkaufsstände ... wir besuchen die Eros & Amore in der Saturn Arena in Ingolstadt. Drei Tage dauert da diese Eros & Amore.

 

Die Redaktion ist Samstag, früher Abend, da. Die Saturn Arena ist sehr groß; 15 Techniker und Messebauer waren zwei Tage lange beschäftigt, die Bühnen zu bauen, die Licht- und Tonanlagen zu installieren, Wände aufzubauen und rund 1.000 Meter Kabelstränge zu verlegen - Sex braucht Licht. 

 

Der Parkplatz ist voll, es sind tausende Besucher da. Besucherinnen und Besucher. Jung und alt. Dick und dünn, groß und klein, alle über 18 Jahre, natürlich, denn hier geht es ans Eingemachte - wenn man möchte. Ab dafür. Fleisch ahoi!

 

Vorbei am Essbaren, an den Getränkeständen, rein in die Haupthalle. Zwei Damen bieten gleich am Eingang erotische Massagen mit Öl an, in einer Kabine. Jetzt eine Massage? Hm ... nein, wir sind ja dienstlich hier. Weiter. Die Stände. Meine Güte, immer diese Gasmasken-Dinger. Masken, Kopfbedeckungen, Vibratoren und die entsprechenden Gegenstücke für die Herren, Orgasmus-Garantie-Elektrostäbe, Gleitgel mit und ohne Geschmack, Aufhängevorrichtungen, Wippen, Peitschen ... dazu natürlich Stände, die für Magazine werben, in denen sich wiederum Frauen verkaufen, ein Tätowierer ist bei der Arbeit zu beobachten, aber wir müssen weiter, auf einer Bühne findet eine recht geschmackvolle Show statt. Klar: Die Leute vor der Bühne fotografieren der hübschen schwarzhaarigen Frau zwischen die Beine, als sie nackt ist und sich entsprechend präsentiert, aber das ist das Spiel. Viele sind mit Fotoausrüstung da. Einen Teil der Darbietung finden Sie in unserer Bildergalerie. 

 

Weiter durch die Messe selbst, man muss ja einen klaren Kopf bewahren. Ein großer Filmverkaufsstand ist da. Und den beherrscht ein Nürnberger - Kurt Ruckriegel, 53 Jahre, gut gelaunt angesichts des schlechten Geschäfts, „weil der Staat nichts tut gegen die illegalen Downloads.”  (Gruß auch an Herrn Kauder, der mit seinem Internet-Kauderwelsch die völlig falschen Sachen anstößt.) Deshalb hat Kurt seine Nürnberger Videoläden zugemacht. „Das Sexgeschäft ändert sich total”, sagt Kurt. „Schauen Sie - Beate Uhse-Aktien hatten mal einen Wert von 100 Euro, jetzt sind sie unter einem Euro zu haben.”

 

Und das hat seinen Grund: „Das große Geschäft geht heute an den Läden vorbei”, sagt Kurt. Und dann die illegalen Sachen, die im Netz verbreitet werden: „Gema, Güfa, der ganze Schmarrn - die sacken ein und tun nichts.” Vor fünf Jahren hat es angefangen, sagt Kurt, und heute haben Filmverleiher und -verkäufer nur mehr ein Drittel des Umsatzes. Außerdem: „Die Leute haben keine Kohle mehr. Die Sonderposten bei den DVDs gehen weg, aber ansonsten gibt keiner mehr Geld aus - weil er keins mehr hat. Ich seh‘ das doch auf den Messen. Und ich komm‘ viel rum.”

 

Kurt dreht richtig auf: „Wir verleugnen doch in Deutschland, dass die Leute die Krankenversicherung nicht mehr zahlen können! Der Staat schaut zu, und es wird für vier oder fünf Euro die Stunde gearbeitet.”

 

Ja, aber ... irgendwer wird doch noch ein paar Filme kaufen? „Ja, natürlich. Private hat über die letzten Jahre viel verkauft, aber Marc Dorcel hat denen den Rang abgelaufen. Ist hochwertig, wie Private. Aber wenn sich die Freundin mit vor den Fernseher setzt, ist Marc Dorcel angesagt.” Kurt grinst: „Ich seh die jungen Burschen und denke mir: ok, der hat heute seine Freundin daheim. Da muss ich nur sehen, welchen Film der mitnimmt. Oder sie ist gleich mit dabei und sucht aus. Wenn er einen Lutschfilm für nen Fünfer mitnimmt, ist klar: der ist heute allein.”

Laut Kurt sei die Welle der Gewalt vorbei. „Die Leute haben das jetzt in den Clubs. Da braucht es keine Filme mehr.” Er zeigt auf diverse SM-Titel: „Die hätten sie mir früher aus der Hand gerissen.”

 

Trotzdem: Kurt sieht Deutschland verarmen. „Die Leute haben nichts mehr. Saarbrücken, Gießen, das steht doch alles geistig schon in Flammen. Und wenn dann demonstriert wird, wird man auch noch kriminalisiert!” Kurt kommt rum - und sieht Frust allerorten. „Und der Staat schaut zu. Alle verarmen. Es ist schlimm geworden, und in Österreich fängt‘s auch schon an.” Kurt Ruckriegel ist an sich eine Frohnatur, das merkt man, und der Mann packt an. Seine Videoläden in Nürnberg hat er verkauft, jetzt reist er mit der Messe herum und hat in Polen einige hochwertige Clubs eröffnet. „Das geht gut.” Aber, was Deutschland angeht: „Dieses Land kann sich nicht mehr finanzieren. Der ganze bürokratische Mist frisst uns auf. Das Leck mich am Arsch-Gefühl des unteren Drittels wird immer schlimmer.”

 

Weiter, weiter: ab in den Umkleidebereich, natürlich nur mit einem Angestellten. Hier tummeln sich die Models, männlich wie weiblich, es herrscht eine gute , ausgelassene Stimmung. Man kennt sich inzwischen, hat schon einige Stationen der Messe hinter sich gebracht. Lena Nitro ist da, die 24jährige hat einen Exklusivvertrag mit Videorama, und damit geht es ihr „gut!” - prima. Sie ist nett, unaufgeregt und bereit für ein kurzes Gespräch.

 

Die Düsseldorferin ist seit zweieinhalb Jahren im Erotikgeschäft; begonnen hat es, als die gelernte Arzthelferin das Angebot bekam, mit Vivian Schmitt zu drehen. Ähnlich wie Schmitt, bekam auch Lena Nitro einen Exklusivvertrag mit Videorama. Jetzt dreht sie „Filme für die echten Fans”, die auch noch „ganz gut verkauft” werden. Dazu hat sie ihre Homepage, mit Filmangeboten, Webcam und Chat, und sie ist auf etwa 25 Messen pro Jahr aktiv dabei. Davon könne sie „gut leben”.

 

Was man ja immer wissen will: Was sagen die Eltern, wenn man ins Sexbusiness einsteigt? „Mittlerweile nichts mehr”, so Lena Nitro. „Erstmal waren sie schockiert, ganz besonders mein Vater. Mama auch, aber nicht ganz so.” Und wie lange will sie mit ihrem Körper für den Lebensunterhalt sorgen? „Man setzt sich selbst eine Grenze. Mit 30, dann hinter die Kamera. Aber ganz weg von der Erotik will ich nicht.” - Wir machen ein Foto. (Siehe Bildergalerie.)

 

Samira Summer plaudert kurz mit der Redaktion; die 26jährige aus Köln macht keine Hardcore-Filme, sondern ist einer der seltenen Erotikstars hierzulande, die mit ihrer Agentur und diversen Shows zu einer gewissen Größe und guter Bekanntheit gekommen ist. Geholfen hat ihr dabei die Tatsache, dass sie in der 2. Fußball-Bundesliga gespielt hat, bevor sie ins Erotikfach wechselte. „Den Pressewirbel habe ich mir zunutze gemacht”, sagt sie. Sie bietet choreografierte Shows, hochwertig und nicht zu extrem, schon gar nicht, wenn sie mit auf der Bühne ist. Das ist ihr wichtig. „Man kann das auch mit Stil machen.” Und als gelernte Industriekauffrau hat sie ihr Unternehmen fest im Griff, sagt sie. - Wir machen ein Foto. (Siehe Bildergalerie.)

 

Raus aus der Umkleide (puh; Anmerkung d. Red.), rein ins Gewühl; zurück zu den Shows, wo Frauen ihre Beine spreizen und aufgeregte Männer fotografieren, was das Zeug hält, wo viele, viele Pärchen unterwegs sind, auch Omas und Opas, was die Redaktion besonders erstaunt, und wo inzwischen auch am Stand von Kurt, dem Nürnberger, der Filme auf DVD verkauft („BluRays in dem Bereich sind noch sehr teuer”), einige Leute zugreifen - und Kurt klarstellt:

 

„Ich bin kein Linker, ich habe die Bundeswehr als Feldwebel verlassen. Aber ich arbeite seit 30 Jahren, war zwei Mal im Urlaub und wenn ich mir jetzt meine Rente ansehe, dann sage ich: so geht es nicht.” Zum Abschluss der Sexmesse also nochmal Politik. Und Kurt Ruckriegel sagt: „Die Gesine Schwan hat's doch gesagt. Sie wundert sich, dass die Leute in Deutschland, die keine Chance mehr haben, so ruhig bleiben. Was ist man über die hergefallen. Aber die hatte recht.”

 

Mit Gesine Schwan im Kopf verlässt die Redaktion die Eros & Amore 2011 in Ingolstadt.

Autor: Ingo Knott