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10.08.2012 Dresden
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Keine Kultur, keine Tiefe, nur Effekte


Beim Cinestrange-Filmfestival in Dresden plauderte ein gut aufgelegter Dario Argento aus dem Nähkästchen des Filmemachens.

Das Cinestrange Filmfestival in Dresden wurde in diesem Jahr erstmals veranstaltet; die Wochenblatt-Redaktion Abensberg war bei der Eröffnungs-Pressekonferenz dabei - immerhin warteten die Veranstalter mit Dario Argento und seinem Haus-Komponisten Claudio Simonetti auf.

 

Argento hat in den 60er Jahren nicht zuletzt mit „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe”  (der in Deutschland noch nicht in einer vernünftigen Form auf DVD oder BluRay erhältlich ist) typisch europäische Krimikost in die italienische Sleaze-Richtung verschoben; der Film ist bis heute spannend anzusehen, blutig und gilt als früher „Giallo”. Mit gelbem Umschlag (italienisch für gelb: giallo) waren damals schundige Groschenromane versehen, und edler Schund, also Krimis mit Mördern, vielen hübschen Frauen und Todesszenen, die deutlicher waren als in den deutschen Wallace-Krimis, das war es, was in den 60ern und 70ern in Italien mit großem Erfolg produziert wurde. 

 

Dario Argento galt lange als ein Meister seines Fachs, er drehte also Gialli (sehr bekannt ist zum Beispiel „Profondo Rosso”), später kamen fantastische Elemente dazu („Suspiria” oder „Horror Infernal”), und seit, spätestens in den in 90ern, gerne mit psycho-pathologischem Grundverständnis um Serienkiller ins Kino gegangen wird, hat sich Argento (und seine Film-Mörder) vom Phantastischen abgewandt („Tenebrae”, „Das Stendhal Syndrom”).

 

Viele Fans sind mit seinen neueren Werken nicht zufrieden; die Auseinandersetzungen darum, ob Argento noch ein guter oder einfach nur ein ideenloser Regisseur sei, sind heftig geführt worden und haben auch bei Argento den Eindruck hinterlassen, er dürfe sich nicht weg entwickeln vom Erfolgsmodell, mit dem er in den 70ern und 80ern auftrumpfen konnte. 

 

Allerdings: Argento schlägt sich seit vielen Jahren mit schlechten Finanzierungsmöglichkeiten und einer insgesamt sehr schlechten Filmlandschaft in seinem Mutterland Italien herum. Man muss seine Werke, insbesondere die, die nach „Sleepless”, dem letzten großen, ultraharten Schocker, der nochmal alles auffuhr, was einen Argento-Giallo ausmacht, erschienen sind, tatsächlich im Zusammenhang mit vielen Nöten betrachten. Anders kann es ein Ende wie das völlig missratene von „Mother of Tears” nicht geben. Der Mann, der Hopper-Gemälde in seinen Filmen zum Leben erweckt, der mit der sorgfältigen Auswahl von Drehplätzen sehr genau aufzeigt, wie mächtig Architektur sich auf die Menschen und ihre Situation (ihre, klar: bedrohliche) auswirkt, der mit rauschendem Art Deco in den 70ern und mit einer streng unterkühlten Bildsprache in den 90ern arbeitete - der soll heute nicht mehr in der Lage sein, kohärente Filme zu drehen?

 

Argento bittet seine Fans immer wieder, ihm eine Entwicklung zuzugestehen. Und die auch in den Filmen zu verfolgen. Und, natürlich: Es ist wohl nicht mehr so frei wie früher - das Ende einer seiner neueren Filme hätte er sich schon so vorgestellt, wie man es von einem Argento erwartet: „Ich wollte, dass die Frau am Ende im Auto verblutet.” (Gemeint ist der Film „Giallo”, der seit kurzem auf DVD und BluRay erhältlich ist.) - Das wäre Argento pur, und das findet sich in vielen Werken der Kunstgeschichte: der Tod der Schönheit, poetisch überhöht. 

 

Schwamm drüber, die gut/schlecht-Diskussion darf anderswo geführt werden. Argento hat Filme gemacht, die bleiben - und großen Anteil daran hatte und hat bis heute Claudio Simonetti, Kopf der Gruppe Goblin, die für viele Argento-Filme die Musik beisteuerte. Argento und Claudio Simonetti also waren in Dresden; zum Auftakt des Cinestrange-Filmfestivals, bei dem am selben Abend noch „Spiel mir das Lied vom Tod” im UFA-Kristallpalast gezeigt wurde (Argento war am Drehbuch des Italowestern-Klassikers beteiligt). Zur großen Freude aller Beteiligter zeigten sich Argento und Simonetti in bester Laune, die Pressekonferenz lief in guter und interessierter Atmosphäre. Neben Argento und Simonetti waren der Filmkritiker und Rechtsanwalt Dr. Michael Flintrop und Filmemacher Marc Fehse als Veranstalter sowie ein ausnehmend guter Dolmetscher, der absolut ruckelfrei und flüssig übersetzende Leonhard Elias Lemke am Start.

 

Aktuell ist Argento mit seinem Film „Dracula 3D” am Start. Klar, dass die erste Frage diesem Film galt - warum heute nochmal eine Dracula-Verfilmung? Weil es noch keinen 3D-Dracula gab. Und weil es Argento an Kintopp-Geschichten nicht mangelt, gab es gleich noch den Hintergrund: „Dial M for Murder” von Alfred Hitchcock wurde ursprünglich in 3D gedreht, lief aber nur 2D in den Kinos. Als Dario Argento den Film dann eines Tages endlich in 3D sehen konnte, war er begeistert - ein ganz anderes Filmerlebnis. Heute, nach Avatar, mit dem die Technik einen Sprung nach vorne gemacht hat, fing Argento an, erste Planungen für eine Dracula-Verfilmung in 3D anzustellen. (Das war ja in den 70ern noch abenteuerlich - z.B. „Andy Warhol‘s Frankenstein” wurde in 3D gedreht, die back-to-back-Verfilmung „Andy Warhol‘s Dracula” entstand dann nur noch in 2D, da den Produzenten das 3D-Verfahren zu aufwändig, zeitintensiv und teuer war). 

 

Claudio Simonetti, von Dr. Marcus Stiglegger dazu befragt, wie stark Goblin und deren Argento-Filmmusik Einfluss auf den Gothic Rock genommen hat, sieht die Wurzeln seiner Musik eher im Prog-Rock; allerdings verwenden Bands wie die Smashing Pumpkins oder Martilyn Manson heute noch Goblin-Filmmusik zum Konzertstart. Nach Simonetti habe Goblin erst mit dem Film „Suspiria” die Gothic-Richtung vertieft. Heute mache er wiederum eher orchestrale Musik.

 

Dario Argento sieht die Filmwirtschaft heute in Europa allerdings in einem sehr schlechten Zustand: Es habe früher mehr Produzenten gegeben, und, natürlich, ganz wichtig, kein Internet - „Die Leute gingen mehr ins Kino”. Argento (via Übersetzer): „Heute gibt es fast nur noch große Filme; Blockbuster mit den gleichen Effekten, aber keinerlei Kultur darin, keine Tiefe in den Geschichten - ich mag die nicht.” Die Situation sei in den Ländern, in denen er Kontakte habe, überall dieselbe: „Es ist kein Geld vorhanden, es werden immer weniger Filme gedreht.” Auch der vermeintliche Goldrausch in Frankreich (seit Anfang des Jahrtausends kommen aus Frankreich - einfach gesagt - tolle, gut produzierte, hierzulande oft verbotene Schocker) sei keiner, seine Kollegen jammerten überall über fehlende Finanzierungsmöglichkeiten. 

 

Von A(Rgento) bis Z(ensur) ist es kein großer Schritt, seine Filme sind in vielen Ländern der Erde lange nur geschnitten oder überhaupt nicht erhältlich gewesen - und was sagt Argento dazu? „Schrecklich.” Gerade in Deutschland habe er viele Fans. Aber anderswo sieht oder sah es lange Zeit noch schlechter aus - auch in Russland waren viele seiner Filme für lange Zeit verboten. Gewundert hat er sich allerdings schon sehr, als er vor vielen Jahren in Peking war - dort, in China, ist alles von ihm erhältlich und sehrt erfolgreich. Er befand sich in einer riesigen Videothek, und die ersten zwei, drei Chartplatzierungen waren - seine Filme. „In Skandinavien” wiederum, so Argento, sei ja „in Sachen Sex wirklich alles erlaubt, aber nicht in Sachen Horror.” Und so war es wohl kein Wunder, dass viele zunächst befremdlich aussehende Skandinavier seinen Film-Laden „Profondo Rosso” in Rom stürmten, extra angereist, um seine Filme zu kaufen.

 

Eine Zensurgeschichte der besonderen Art hatte ja auch „Dawn of the Dead” von George A. Romero, für dessen Europa-Veröffentlichung Argento zuständig war. In Italien wurde er zunächst stark geschnitten, in Frankreich gleich ganz verboten. Als drei Jahre nach seiner Erstvorlage des Films die Regierung wechselte, brachte Argento den Film komplett ungeschnitten vor das Prüfgremium - der Film kam nun, unter einer liberalen Regierung, anstandslos in die Kinos und wurde ein großer Erfolg. 

 

Unterm Strich ein rundum gelungener Auftakt mit gut aufgelegten italienischen Stars, die sich sympathisch und offen zeigten. Unsere Bildergalerie entstand ebenda.

 

Autor: Ingo Knott
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