30.08.2012 Landshut/Landau


Biss in den Finger rettet Rentnerin das Leben



Biss in Hand
Foto: eh



Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Landshut hat am Donnerstag die Unterbringung eines 75-Jährigen aus Landau, der an einer beginnenden Demenz leidet, in einer Psychiatrie angeordnet. Der Mann hatte nach Überzeugung des Gerichts Anfang des Jahres versucht, seine Ehefrau zu töten.

Ihr Ehemann habe „ein Gesicht wie Stein und Augen wie aus Glas gehabt”, beschrieb diese die Verfassung ihres Ehemanns, als er sie am 7. Januar dieses Jahres würgte und schlug sowie drohte: „Deine Zeit ist gekommen, dich bring ich um.” Die Schwurgerichtskammer des Landshuter Landgerichts ordnete gestern nach ganztägigem Prozess die Unterbringung des 75-Jährigen, der an einer beginnenden Demenz leidet, in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

 

Nachträglich hatte der Rentner am 7. Januar mit seiner Familie seinen 75. Geburtstag gefeiert und mit seinen Kindern auch mit Wodka darauf angestoßen. Allerdings, so später Kripo-Sachbearbeiter Otto Altmann, habe er sich da schon darüber geärgert, dass ein Sohn nicht zur Feier erschienen sei, und deshalb „rumgemosert”.

 

Was sich dann am Abend ab 22 Uhr abspielte - da waren die Eheleute unter sich - schilderte Amtsgerichtsdirektor Hans Erich Pieringer, der die Ehefrau im Rahmen des Ermittlungsverfahrens vernommen hatte, als Zeuge ausführlich: Zuerst habe der Rentner seine Frau ins Schlafzimmer eingesperrt, sei wenige Minuten später zurückgekehrt und habe gedroht: „Jetzt ist deine Zeit gekommen, dich bring ich um, dich würg ich ab. Du kommst heute hier lebendig nicht mehr raus.”

 

Dann habe er sich auf sie gelegt, ihr den Hals zugedrückt und gewürgt. Sie habe sich gewehrt und ihn in den Finger gebissen. Danach habe er der schwer herzkranken Ehefrau bewusst mit beiden Händen gegen den Brustkorb gedrückt, bis sie geröchelt und Atemnot bekommen habe. Schließlich habe er ihr auch noch einen Faustschlag versetzt und damit das Nasenbein gebrochen.

 

Als sie ihn in einer Kampfpause um ein Glas Wasser gebeten habe, sei er der Bitte nachgekommen. Danach habe er ihr wieder gedroht: „Wenn ich dich nicht abwürge, schneid ich dir den Kopf weg, aber ich bring dich weg” und „Deine Zeit ist gekommen, dich bring ich um.” Danach habe er sie wieder ins Schlafzimmer eingesperrt. Die Ehefrau, die Todesängste ausgestanden habe, sei schließlich über das Schlafzimmerfenster geflohen, habe sich aus gut zwei Meter Höhe in die Tiefe fallen lassen und sei rücklings auf eine Rasenfläche gefallen, ehe sie sich zu einem in unmittelbarer Nähe wohnenden Sohn geflüchtet habe.

 

Die Ehefrau habe, so Pieringer, zunächst kryptisch davon gesprochen, dass es bei ihrem Mann „immer wieder einmal dunkel und dann wieder hell” gewesen sei. Auf Nachfrage habe sie erklärt, dass er zunächst ruhig und dann wieder außer sich gewesen sei. Am Tattag sei er bereits am Nachmittag gereizt gewesen, habe sich eifersüchtig nach einem Mann erkundigt, den er an der Tür bemerkt haben wollte. „Er hat nicht gewusst, was er getan hat, weil er nicht richtig im Kopf war”, habe die Ehefrau ihn in Schutz genommen.

 

Für die Staatsanwaltschaft stand allerdings fest, dass der 75-Jährige vorgehabt habe, seine Frau zu töten. Wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung landete er deshalb vor der Schwurgerichtskammer, wobei allerdings von vorneherein feststand, dass bei ihm zur Tatzeit ein demenzielles Syndrom mit herabgesetzter Kontroll- und Steuerungsfähigkeit vorlag, so dass eine Schuldunfähigkeit nicht ausgeschlossen werden konnte und die Frage der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus zu klären war.

 

Über eine Erklärung seiner Verteidigerin Kerstin Engels räumte der Rentner die Schilderungen seiner Ehefrau und damit die Vorwürfe in der Antragsschrift ein. Die Ehefrau versuchte bei ihrem Auftritt vor der Kammer, die Vorkommnisse zu bagatellisieren, bestätigte aber letztlich - eindringlich auf ihre Wahrheitspflicht hingewiesen - ihre beim Ermittlungsrichter abgegebene Version. Wie ihr Staatsanwalt Hubert Krapf vorhielt, hatte sie später in zahlreichen Anrufen bekundet, sie wolle ihre Anzeige zurückziehen und ihren Mann wiederhaben: „Ich brauche ihn doch zum Einkaufen, Saubermachen und bei den Arztbesuchen.”

 

Der psychiatrische Sachverständige Reinhold Kleeberger vom Bezirksklinikum Mainkofen, wo der Rentner bis dato vorläufig untergebracht ist, bescheinigte diesem ein beginnendes demenzielles Syndrom und affektive Störungen, die an jenem Abend, an dem der 75-Jährige auch noch erheblich alkoholisiert gewesen sei, zu dem Ausraster geführt hätten, bei dem er durchaus zunächst in Tötungsabsicht vorgegangen und erst nach dem Biss seiner Ehefrau zur Besinnung gekommen sei.

 

Im Bezirksklinikum, so der Gutachter, zeige er sich völlig uneinsichtig, verweigere er sich total jeglicher Therapie, lehne jegliche Medikamenteneinnahme ab. In diesem Zustand bestehe bei ihm, spätestens, wenn er wieder Anlass zur Eifersucht sehe, Wiederholungsgefahr, sei für die Allgemeinheit gefährlich.

 

Wie von Staatsanwalt Krapf beantragt, folgte die Kammer der Empfehlung des Gutachters und ordnete die endgültige Unterbringung an. Bei der juristischen Wertung waren sich Gericht und Anklagevertreter einig, dass der 75-Jährige von seinem ursprünglichen Tötungsvorsatz nach dem Biss der Ehefrau, der Schlimmeres verhindert habe, zurückgetreten sei und damit neben der Freiheitsberaubung und der Bedrohung „nur” noch eine gefährliche Körperverletzung vorliege, bei der aber für die Ehefrau potenzielle Lebensgefahr bestanden habe. Allerdings sei der 75-Jährige zur Tatzeit nicht ausschließbar schuldunfähig gewesen.

 

Verteidigerin Engels hatte beantragt, den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Unterbringung zurückzuweisen, da ein freiwilliger Rücktritt von der Tötungsabsicht vorgelegen habe und deshalb eine Unterbringung als Sanktion unverhältnismäßig wäre.
 

Autor: ws
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