Die Wochenblatt App
22.08.2012 Landshut

Reue gezeigt: Täter kommt mit Bewährung davon

Nachbarstochter ab 4. Lebensjahr missbraucht

Amtsgericht und Landgericht Landshut
Foto: Grießer
Jahrelang hatte ein heute 56-Jähriger in einer Gemeinde im Vilstal kleine Mädchen aus der Nachbarschaft missbraucht, darunter die Tocher einer befreundeten Familie von ihrem vierten bis zwölften Lebensjahr. Dass rund acht Jahre vergingen, ehe gegen den 56-Jährigen die Ermittlungen liefen, und er unter anderem mit einem Selbstmordversuch reagierte, waren einige der Gründe für die moderate juristische Sanktion: Zwei Jahre auf Bewährung.

Auf dem Anwesen in der Vilstalgemeinde, auf dem der Arbeiter mit seiner Frau und seinen Töchtern lebte, fanden sich laut der von Staatsanwältin Eva Maria Büttner vertretenen Anklage seit 1993 zahlreiche Kinder aus der Nachbarschaft zum Spielen ein und hatten Spaß; denn der 56-Jährige, so seine Version, „alberte” gerne mit den kleinen Mädchen herum.

 

Bis ins Jahr 1994 reichten die Anklagevorwürfe zurück: Damals hatte der Arbeiter bei mindestens drei Gelegenheiten eine Elfjährige an der Brust und im Intimbereich begrapscht. In der Folgezeit wurden noch zwei weitere Mädchen aus der Nachbarschaft – im Kindergarten- bzw. Grundschulalter – von ihm begrapscht. Besonders übel spielte der Arbeiter der besten Freundin einer seiner Töchter mit: Zwischen 1995 – da war sie gerade einmal vier Jahre alt – und 2003 fasste er ihr laut Anklage fast täglich in die Hose und „massierte” sie im Intimbereich. Die sexuellen Übergriffe fanden im Haus, im Garten und in einem Schuppen statt.

 

Auf „mindestens 100 Fälle” beschränkte sich letztlich die Anklage bei diesem Opfer, das, wie es später aussagte, aus Scham noch über Jahre hinweg schwieg. „Während die anderen Mädchen das Anwesen des Arbeiters längst mieden, bin ich immer wieder hingegangen, weil ich meine beste Freundin nicht verlieren wollte”, erklärte die bei ihren Vernehmungen schon erwachsene junge Frau.

 

Erst 2009 hatte sie sich einigen Freundinnen anvertraut, die ihrerseits dann ebenfalls damit herausrückten, von dem Nachbarn in gleicher Weise missbraucht worden zu sein. Schließlich informierte man die Eltern. Mit den Anschuldigungen gegen den 56-Jährigen, mit dem man freundschaftliche Kontakte pflegte, konfrontiert, erwiesen sich die allerdings „überfordert”. Sie stellten den Arbeiter zwar zur Rede, und der räumte die Übergriffe auch ein, angezeigt wurde er allerdings nicht: Man wollte die Opfer ebenso wie die Ehefrau des Arbeiters und seine beiden Töchter, die völlig ahnungslos waren, nicht in der Öffentlichkeit bloß stellen.

 

Bei dem 56-Jährigen zeigten die Gespräche allerdings Wirkung: Nicht nur, dass er an seine Opfer Entschuldigungsbriefe schrieb, im Juni 2010 unternahm er schließlich auch einen Selbstmordversuch mit Tabletten, den er in einem Abschiedsbrief an seine ahnungslose Ehefrau ankündigte. Im Rahmen einer groß angelegten Suchaktion wurde er einen Tag später noch rechtzeitig gefunden und konnte gerettet werden.

 

Vor der 4. Strafkammer des Landgerichts, wo er sich wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 106 Fällen – die Taten aus dem Jahr 1994 waren bereits verjährt – zu verantworten hatte, räumte der inzwischen geschiedene und in Straubing lebende Arbeiter die Anklage über eine Erklärung seines Verteidigers Ludwig Marsch ohne jegliche Abstriche ein. Er könne sich heute noch nicht erklären, wie es zu den Übergriffen kommen konnte, beteuerte er und sah ein: „Ich habe viel Schuld auf mich geladen.” Deshalb habe er sich auch das Leben nehmen wollen.

 

Mit seinem Geständnis ersparte der 56-Jährige nicht nur seinen Opfern und deren Eltern, sondern auch seiner früheren Familie eine Aussage vor Gericht. Außerdem war es Grundlage für eine Verständigung unter den Prozessbeteiligten, wobei man sich auf eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von zwei Jahren einigte. Aus den Aussagen der Opfer ging hervor, dass die heute 21-jährige ehemals beste Freundin der Tochter noch heute schwer unter den psychischen Folgen der sexuellen Übergriff zu leiden hat und psychiatrischer Hilfe bedarf.

 

Strafmildernd wertete die Kammer neben dem Geständnis die vom 56-Jährigen an den Tag gelegte Reue, die er im Selbstmordversuch, in den Entschuldigungsbriefen sowie durch das von ihm bereit gestellte Schmerzensgeld von 20.000 Euro für die Opfer zum Ausdruck gebracht habe. Außerdem habe er freiwillig eine Therapie angetreten, und die Taten lägen bereits lange Zeit zurück. Straferschwerend standen dem die Vielzahl der Taten und die schwerwiegenden psychischen Folgen für das hundertfach missbrauchte Opfer gegenüber.

Autor: ws

Weitere Nachrichten aus dem selben Ort: