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22.06.2012 Erding / Landshut

Gefängnis und Unterbringung für Drogenabhängige

Selbstbedienung in der Arztpraxis


Ihren Bedarf an Ersatzdrogen deckte eine 21-jährige Arbeitslose mit Diebstählen in einer Arztpraxis. Die 5. Strafkammer beim Landgericht Landshut verurteilte sie jetzt zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und ordnete gleichzeitig die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Die 22-Jährige, die nach der mittleren Reife eine Ausbildung zur Altenpflegerin abbrach, sich zuletzt mit Gelegenheitsjobs in der Altenpflege über Wasser hielt und in einem Obdachlosenheim lebt, ist seit Jahren Konsumentin harter Drogen. Wenn das Geld für den Rauschgifterwerb nicht reichte, versuchte sie, mit Substitutionsmitteln den gefürchteten Entzugserscheinungen vorzubeugen.

Um sich die zu beschaffen, stieg sie am 19. November 2010 über ein Fenster, das sie bei einem vorausgegangenen Besuch entriegelt hatte, in eine Erdinger Arztpraxis ein. Dort entwendete sie aus einer Kasse nicht nur 150 Euro Bargeld, sondern auch einen Block mit Blankorezepten und einen Praxisstempel. Daheim füllte sie ein Rezept für Morphin-Ampullen mit dem Computer aus, versah es mit dem Stempel und fälschte die Unterschrift des Arztes. 
 
In der Apotheke, in der sie das Rezept einlösen wollte, erkannte man allerdings die Fälschung. Das laufende Ermittlungsverfahren hinderte die 22-Jährige aber nicht daran, im März 2011 erneut in die Arztpraxis einzusteigen, nachdem sie wieder ein Fenster entsprechend „präpariert” hatte. Diesmal  begnügte sie sich mit einer Packung Tabletten. Bei einer Hausdurchsuchung wurden dann bei ihr auch noch verschreibungspflichtige Drogenpflaster gefunden.
 
Beim Amtsgericht Erding handelte sich die Pflegehelferin für die beiden Diebstähle im besonders schweren Fall, die Urkundenfälschung und den illegalen Besitz von Betäubungsmitteln eine Freiheitsstrafe von einem Jahr ein, außerdem wurde ihre Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet. Dagegen legte sie Berufung ein. Vor der 5. Strafkammer des Landgerichts räumte die bereits wegen Drogendelikten vorbestrafte 22-Jährige die Diebstähle unumwunden ein, fühlte sich allerdings zu hart bestraft: „Ich will behandelt werden wie jeder andere Junkie auch, also eine Bewährung und die Chance, freiwillig eine Therapie zu machen.”
 
Auch ihr Verteidiger hielt eine Strafaussetzung zur Bewährung mit der Weisung, eine freiwillige Therapie zu absolvieren, für die bessere Lösung: „Wenn die Einsicht und die Motivation fehlt, ist der Erfolg einer Zwangstherapie mehr als fraglich”, argumentierte er. Strafmildernd müsse sich zudem die seiner Mandantin vom psychiatrischen Gutachter bescheinigte erheblich verminderte Schuldfähigkeit zur Tatzeit auswirken.
 
Die Kammer verwarf - wie von Staatsanwalt Dr. Dominikus Reither beantragt, die Berufung. Strafmildernd hätten sich zwar das Geständnis und die erheblich verminderte Schuldfähigkeit ausgewirkt, dagegen seien die einschlägigen Vorahndungen, die immerhin zu Jugendarresten geführt hätten, straferschwerend ausgewirkt. Darüber hinaus sei die 22-Jährige bei ihren Einbrüchen in die Arztpraxis raffiniert und mit erheblicher krimineller Energie vorgegangen.
 
Auch die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt hielt die Kammer für unabdingbar. Aufgrund des Vorlebens und der fehlenden sozialen und beruflichen Perspektiven bestünden erhebliche Zweifel, dass die 22-Jährige eine freiwillige Therapie durchstehe, so Vorsitzender Richter Eugen Larasser. „Sie neigt nach wie vor dazu, ihre Sucht zu bagatellisieren und hat noch nicht erkannt, wo ihre Probleme liegen.” Die könnten dann, wie auch der Sachverständige bestätigt habe, zu weiteren erheblichen Straftaten führen.
 
Das mit der fehlenden Motivation sei kein Grund, von einer Unterbringung abzusehen, so der Vorsitzende Richter: „Das kann sich, wie bereits vielfach nachgewiesen, im Rahmen der Therapie ändern. Ein Süchtiger kann und darf es nicht in der Hand haben, ob er weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.”  Der 22-Jährigen gab er mit auf den Weg, die Therapiechance zu nutzen: „Ansonsten droht das Gefängnis.”
Autor: ws

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