03.02.2012
Erding
Gefrorene Seen bergen Risiken
Oh Schreck – das Eis bricht weg!

Foto: Birgit Reinbacher
Jetzt zieht es uns bald wieder hinaus auf die zugefrorenen Weiher und Seen, auf Schlittschuhen, mit dem Schlitten oder zum Familienspaziergang mit Kinderwagen.
Doch Misstrauen ist angesagt, denn die zentrale Frage lautet immer: Ist das Eis auch dick genug - trägt es mich wirklich!?
Weil Jahr für Jahr Menschen verunglücken, macht sich die Wasserrettungsschnelleinsatzgruppe (SEG) der Wasserwacht Erding auch in dieser Saison erneut fit mit Eisrettungsübungen.
Die Stadt Erding stellte auf Anraten der Wasserwacht für die Rettung Eingebrochener wieder stabile Holzleitern von je ca. 3 Meter Länge und die im Jahr 2008 neu und fest installierten Rettungsringstationen zur Verfügung. Die Wasserwacht selbst, legt für Notfälle andere mögliche Rettungsmittel wie z.B.: Feststoffschwimmwesten an der Wasserwachtwachstation im Naherholungsgebiet Erding Nord (Kronthaler Weiher) aus. „Mit diesen einfachen Gegenständen könnten Eingebrochene herausgezogen werden“, so Siegfried Ippisch, Vorsitzender der Wasserwacht Erding.
Eindringlicher Appell der Wasserwacht an eventuelle Rowdys: Diese Hilfsmittel am Kronthaler Weiher nicht zerstören, Sie könnten Leben retten und sind nur für den Notfall vorgesehen!
Ab wann die Eisdecke als ausreichend dick gelten kann, dafür gibt es keine Garantie, sondern lediglich vorsichtige Einschätzungen: Ab 8 Zentimeter Personen und Personengruppen, ab 12 Zentimeter Schlittenfahrzeuge, ab 18 Zentimeter Pkw und sonstige Fahrzeuge. Die Angaben beziehen sich auf das so genannte Kerneis, welches die Schicht am Anfang (direkt an der Wasseroberfläche) einer Eisdecke bildet. Nur das Kerneis gibt Aufschluss auf die Tragfähigkeit eines Eises.
Das Kerneis muss trotz der oben genannten cm-Angaben unter anderem noch folgende Kriterien erfüllen: kompakte dicke Fläche ohne Sprünge, Einrisse oder Einschlüsse.
Sie müssen wissen: Sie wagen sich immer auf eigene Gefahr aufs Eis. Die Kommune übernimmt keine Haftung, und selbst wenn eine Eiswache der Wasserwacht wie z.B. am Kronthaler Weiher in Erding, durchgeführt wird, heißt das nicht, dass das Eis trägt.
Denn Eis ist tückisch: Aufgrund mehrer Einflüsse kann es an verschiedenen Stellen eines Oberflächengewässers recht unterschiedliche Dicken aufweisen. Bodenwärme, Temperaturschwankungen, Strömungen, Zuflüsse warmer Quellen oder evtl. Industriegewässer, Gasbläschen aus schlammigem Grund, Lufteinschlüsse, dünn überfrorene Fischereilöcher und Einbruchstellen sowie Eisrisse können mögliche Ursachen dafür sein. So eine Eisfläche kann bereits bei geringer Belastung bersten. Im Übrigen ist dass Eis am Rand nicht unbedingt am stärksten, den das Eis „wächst bzw. bildet“ sich nicht zuerst am Rand, sondern fängt eher in der Mitte eines Gewässers an sich zu bilden.
Und: Schnee bedeckte Eisflächen sind meist dünner als schneefreie, denn Schnee ist ein sehr schlechter Leiter.
"Auch nasse Stellen sollten Sie meiden und gebührenden Abstand zu nicht zugefrorenen Stellen halten", so Oliver Henkel Rettungsschwimmausbilder der Erdinger Wasserwacht.
Welches Prozedere wäre notwendig um eine Eisfläche vorläufig freizugeben?
Korbinian Müller Vize-Vorsitzender der Wasserwacht Erding erläutert: "Einen ersten Anhaltspunkt über die Beschaffenheit der Eisdecke liefert die Klopfprobe: Wenn das Eis bei einem Hammerschlag "dröhnt", so kann es als "gesund" beurteilt werden. Eine offizielle Freigabe der Eisfläche wäre jedoch ein sehr schwieriges Unterfangen und wird zudem kaum noch praktiziert. "
An großen Seen in den Bergen läuft dies ungefähr folgendermaßen ab:
Eine Kommission von Fachleuten (u.a. Kommune, Landkreis, Wasserwacht, Naturschutz, Meteorologen) ähnlich der Lawinenkommission tritt zusammen und begutachtet das entsprechende Eis. Die Probemessungen werden bei kleineren Seen alle 100 Meter und bei größeren Seen (ab ca. 5 km) alle 500 Meter mittels Punktkernbohrungen oder kleineren Eiseinschnitten geprüft. Aussagekräftig ist hier auch nur das Kerneis mit der geringsten Dicke. Sollten die Fachleute bei dem oben genannten Prozedere zu einer positiven Entscheidung kommen, so spielen zudem noch andere Faktoren wie z.B. die weiteren Witterungseinflüsse, warme Quellen und Zuflüsse, Frequentierung der Fläche etc. und natürlich auch die weit reichenden Rechtsfolgen eine entscheidende Rolle, ob eine Freigabe der Eisfläche für sinnvoll erachtet wird.
Was tun, wenn man selbst einbricht?
Die größte Gefahr ist die starke Unterkühlung, die sehr schnell sehr stark schwächt und das Reaktionsvermögen lahm legt. Das eiskalte Wasser verursacht zuerst heftige Schmerzen, Arme und Beine werden blitzschnell steif und später ohne Gefühl. Dazu kommt der enorme Abwärtstrieb durch schwere Winterkleidung, Schlittschuhe oder dicke Stiefel an den Füßen -mit welchen sich sehr schwer Schwimmen lässt- all dies kann in wenigen Minuten zum Ertrinkungstod führen. Sie dürfen also nicht in Panik geraten, sondern müssen blitzartig alle Energie mobilisieren. Je nach Beschaffenheit des Eises bieten sich zwei Möglichkeiten: Ist das Eis halbwegs tragfähig, versuchen Sie sich flach auf das Eis zu schieben und robben Sie dann über das Eis zum Ufer. Ist das Eis nicht stabil genug, versuchen Sie das Eis mit den Fäusten oder den Ellbogen stückweise zu zerbrechen und bahnen Sie sich so einen Weg zum Ufer oder zu tragfähigerem Eis. Dies ist zwar leicht gesagt, jedoch sehr sehr Kräfte raubend, weiß Robert Blattenberger, Technischer Leiter und Rettungsschwimmausbilder der Erdinger Wasserwacht.
Was tun, wenn Sie jemand retten wollen?
Selbst in höchster Eile nicht ignorieren: Das Eis wird auch unter Ihnen nachgeben! Sie müssen am Ufer bleiben und Hilfsmittel einsetzen. Also, Brett, Stange, Leiter, Gartentisch oder -bank aus Holz, Tür, Leine oder Seil, Teile eines Holzzaunes, Ast oder Strauchwerk zum Eingebrochen reichen, schieben oder werfen. Er oder Sie muss versuchen sich daran festzuklammern, so dass Sie ihn heraus ziehen können, so Siegfried Ippisch, Chef der Erdinger Wasserwacht. Ippisch weiter: Alarmieren Sie in jedem Fall immer sofort auch Rettungskräfte wie z.B. die Wasserwacht, denn diese Eisrettungsfachleute könnten Ihnen dann helfen, wenn Sie trotz Vorsichtsmaßnahmen selbst eingebrochen sind.
Rettung mit einer Holzleiter
Kann sich der Verunglückte nicht mehr festklammern, müssen Sie ihm übers Eis zu Hilfe kommen. Nie stehend der Einbruchstelle nähern, Sie müssen Ihr Gewicht verteilen, indem Sie sich liegend, möglichst mit ausgebreiteten Armen, zum Eisloch vorarbeiten. Von Vorteil wäre: Wenn Sie sich auf einer großflächigen Unterlage (Türe, breites Brett) liegend an den Eingebrochenen heranschieben und sich, wenn möglich, mit einem Seil sichern, mit dem Sie dann den Verunglückten herausziehen können. An der Einbruchstelle Brett, Leiter oder ähnliches über das Loch schieben. "Das erhöht die Tragfähigkeit des Eises und bietet dem Eingebrochenen die Möglichkeit, sich selbst daran herauszuhangeln", erklärt Martin Gräbe, Wasserretterausbilder der Erdinger Wasserwacht.
Ist der Eingebrochene unter dem Rand des Eisloches verschwunden, wird es sehr viel schwieriger.
Denn nun muss getaucht werden. Wichtig: In voller Kleidung (ohne Schuhe) ins Wasser, um die Unterkühlung zu minimieren (das Wasser ist ein sehr viel besserer Wärmeleiter als die Luft). Eine Sicherung durch eine kräftige Leine, die von einem zweiten Helfer gehalten wird ist Voraussetzung in dieser Situation, um weiter zu helfen. Die Leine darf sich nicht am scharfen Eisrand durchscheuern.
Ein Laie darf beim nachtauchen nicht länger als 20 Sekunden unterm Eis bleiben und muss dann -auch gegen seinen Willen- herausgezogen werden. Dann muss ein anderer Hilfewilliger ran. Nur Rettungstaucher mit Gerät und Taucheranzug können länger suchen, da diese zum einen Atemluft in der Pressluftflasche mit sich führen und zum anderen bietet ihnen der Taucheranzug für eine bestimmte Zeit zuverlässig Schutz gegen das Eiswasser. "Ist der Verunglückte unter eine dünne Eisdecke geraten (1-4 cm), z.B. durch einen Sturz von einer Brücke oder einem Steg, so kann der Retter auch versuchen, die Eisdecke auf einer möglichst großen Fläche zu zertrümmern, um dem Untergegangenen die Möglichkeit zum Auftauchen zu verschaffen", erläutert Siegfried Ippisch weiter.
In jedem Fall zählt:
Bei Eisunfall nicht zögern - sofort Hilfe holen und im Wahrsten Sinne des Wortes COOL bleiben!
Ihre schnelle Reaktion kann Leben retten: Beobachten Sie, dass jemand auf dem Eis einbricht, zögern Sie nicht, sondern rufen Sie sofort die Eisretter!
Die Wasserrettungszüge sind mit ihren mobilen Einsatzbooten und mobilen Eisrettungsgeräten über die Integrierte Leitstelle (ILS)
des Landkreises Erding mittels Funkmeldeempfänger nach dem Motto: "Tag und Nacht Wasserwacht" rund um die Uhr für Notfälle
unter der zentralen Telefonnummern: 112 sowie selbstverständlich auch über die Notrufnummer 110 der Polizei erreichbar.
Trotz aller Aufregung sollten Sie sich dabei auf die "fünf Ws" konzentrieren:
Was ist passiert?
Wo ist es passiert?
Wie viele Personen sind betroffen?
Welche Verletzungen/ Erkrankungen sind vorhanden?
Wer meldet?
Warten Sie auch in jedem Fall auf Rückfragen, nicht gleich wieder einhängen die Notrufstellen oder die Polizei beenden das Gespräch, sofern sie alle Informationen haben.
Zusätzliche Informationen z.B. zu Eis und Baderegeln oder auch Aktionen der Wasserwacht Erding erhalten Sie auch im Internet unter: http://www.wasserwacht-erding.eu
Autor: we/bi
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