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12.09.2012 Iggensbach

"Weggesperrt"

Zuwachs für Asylantenheim


Idyllisches Dorf Schöllnstein ächzt unter der Last. Statt weniger, wurden es nun sogar noch mehr Asylanten in Schöllnstein

Wie auf einer kleinen Insel im Niemandsland geht es den Asylbewerbern im Asylantenheim in Schöllnstein. Sie können sich zwar frei nach Lust und Laune bewegen, sind aber trotzdem eingeschlossen. Ohne eigenes Auto kommt man aus dem abgelegenen Örtchen nicht weg – zumindest nicht weit. Ohne Arzt, Tante-Emma Laden, geschweige denn irgendwelchen Freizeitangeboten leben die 71 Einwanderer dort. Nach dem Brand der Asylbewerberunterkunft Böbrach werden es noch mehr. Essen und Klamotten kommen in kleinen Paketen. Gerade, dass diese Pakete nicht aus dem Hubschrauber abgeworfen werden.

 
Als „absolute Notverwaltung“ bezeichnete Regierungspräsident Heinz Grunwald die ehemalige Pension, als die ersten Asylbewerber im Juli 2010 dort einzogen. Momentan übernehmen die Asylsuchenden Oberhand. Auch die 76 Einwohner wissen nicht so richtig, was sie mit den immer wechselnden Jungs und Mädels, Frauen und Männern anstellen sollen: „Es sind einfach zu viele und es ist ein einziger Wechsel drin“, beklagt sich der Gruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr des Dorfes, Hermann Zankl. 
Erst vor kurzem sei ein Asylbewerber mit seinem Fahrrad unter das Auto einer jungen Schöllnsteinerin gerutscht. 
 
„Ihm ist Gott sei Dank nichts passiert, aber auf dem Schaden an ihrem Auto bleibt sie selbst sitzen: Pech gehabt“, finden die Einwohner ärgerlich. Ein weiteres Problem sei, dass sie einfach nicht wissen würden, was sie den ganzen Tag anstellen sollen. 
„Beschwerden kommen eigentlich keine aus der Bevölkerung“, sagt der stellvertretende Landrat Peter Erl. „Die Bewerber selbst sagen, dass sie sich nicht wohl fühlen“. Auch hätten sie gerne einen Deutschunterricht: „Wir dürfen nichts veranlassen“, lautet die Anordnung von ganz oben.
 
„Wir haben auch schon einige Aktionen für die Asylbewerber veranstaltet“, sagt Zankl. So seien ein Paar zum Beispiel eine Zeit lang vom FC Handlab-Iggensbach zum Fußballspielen abgeholt worden. „Aber die Jungs waren dann auf einmal nach kurzer Zeit wieder weg“, sagt der Schöllnsteiner. Deswegen habe man das anschließend gelassen. Dasselbe gilt für die Feuerwehr: „Wenn sie länger hier wären, dann könnten sie zur Feuerwehr gehen, aber so rentiert es sich nicht“, bemerkt der Gruppenführer der Feuerwehr.
 
Ein Bus nach Deggendorf geht einmal in der Woche, erzählen die Heim-Bewohner. Sie fahren, damit ihnen nicht ganz so langweilig ist, nur zum Schauen. Einkaufen können sie nichts, weil sie kein Geld haben, äußert sich der 25-Jährige Mohammadi Ishran. 
„Kein Bus: keine Arbeit“, sagt ein anderer, der schon seit über einem Jahr in Schöllnstein lebt, sogar bereits einen deutschen Pass besitzt und fließend Deutsch redet. Er würde gerne weiter weg: „Nach München oder Düsseldorf“, erzählt er. Doch niemand würde ihm helfen. 
 
Im Asylantenheim gibt es nicht viel. Fünf Leute teilen sich einen Raum und eine Küche. Sie haben den ganzen Tag nichts zu tun. Deswegen spielen sie draußen vor dem Haus mit einem Ball, schauen fern oder wandern einfach durch den Ort und schießen Fotos voneinander. Alles vollkommen sinnfrei. Dank Deutschlehrerin Anna Wollinger gibt es zumindest zweimal die Woche einen kostenlosen Deutschkurs in Schöllnstein. 
 
Lediglich neun Asylsuchenden hat Heimleiter Brunnmeier eine gemeinnützige Arbeit für 1,05 Euro pro Stunde organisieren können. Sie mähen den Rasen, weißeln die Wände der Unterkunft oder arbeiten auf dem städtischen Bauhof. Aber damit ist auch nur ein kleiner Teil beschäftigt.
 
„Die Einrichtung wird noch so lange wie nötig bleiben“, sagt Michael Bragulla Pressesprecher der Regierung von Niederbayern. „Es sind momentan so viele, weil es noch nicht möglich war, die Bewohner zu reduzieren“, erklärt er. Zu viele gebe es ganz einfach in ganz Niederbayern. „Ein schwacher Trost für die Schöllnsteiner ist, dass offiziell 90 Asylsuchende im Heim untergebracht werden können. Aus Rücksicht für die Einwohner wurde aber das Heim auf 80 Asylbewerber begrenzt“, äußert sich der Pressesprecher der Regierung von Niederbayern.
 
Doch nach dem Brand der Asylbewerberunterkunft Böbrach wurden die rund 50 Asylbewerber auf die Landkreise Deggendorf, Landshut und Rottal-Inn verteilt. „Die Notsituation macht es erforderlich, dass auch die Unterkunft in Schöllnstein vorübergehend bis zu acht Personen mehr aufnehmen muss“, so die Regierung von Niederbayern. Sobald Plätze in anderen Unterkünften zur Verfügung stehen, soll sich die Zahl der Bewohner dort wieder reduzieren. Das soll absehbar sein, weil Ende September eine neue Asylbewerberunterkunft in Vilshofen den Betrieb aufnimmt.
Autor: me
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