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31.10.2012 Deggendorf
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Meine Welt


Cchhrrröst Du mich?

Cchhrrröst Du mich? Annkkssst Du michrrrst versteh ...? So geht das schon seit drei Minuten. Und nein, ich kann meinen Bekannten aus Duisburg, der mich am Telefon anruft, so gut wie überhaupt nicht verstehen. Einzige Möglichkeit: Aufhängen und es gleich noch einmal probieren. Vielleicht ist die Leitung dann besser, ohne Funklöcher oder sonstige Aussetzer.

 
Ich muss ja sagen, das Internet ist eine fantastische Erfindung. Noch nie hatte man in so kurzer Zeit Zugriff auf derart viele Informationen, ist vernetzt mit der ganzen Welt.
 
Es gibt aber auch einige Dinge, die waren zu internetlosen Zeiten noch um ein Hauseck besser. Und dazu gehört eindeutig das Telefon.
 
Denn früher hatte man einfach einen astreinen Empfang, hörte die Stimme des Gegenüber glasklar. Mit all den neuen Leitungen, vor allem dem Telefonieren über das Internet, neudeutsch VoIP genannt, ist man heutzutage schon froh, wenn man überhaupt dem Gespräch folgen kann. Vom Mobiltelefon ganz zu schweigen, das vor allem beim Autofahren von Funkloch zu Funkloch wandert. Nach ebenso unwillkürlichem wie sinnlosem Gebrülle in den Höher bleibt da oft nur noch der Hinweis: Ich versteh’ kein Wort und häng’ jetzt auf – wohlwissend, dass einem sein Gegenüber vielleicht gar nicht verstanden hat!
 
Die Bahn war auch schon mal besser. Früher konnte die Uhr danach gestellt werden. Und man konnte für kleines Geld von Kuhdorf zu Kaff reisen. Sein Ticket dafür kaufte man sich vom gelangweilten Beamten am Schalter – er war verbeamtet, hatte somit nichts zu verlieren oder gewinnen. Und, das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen, es gab nur einen Preis für die Fahrt von A nach B. Das heißt, die stundelange Recherche im Internet über das billigste Ticket konnte man sich sparen, beziehungsweise, es gab ja noch kein Internet.
 
Bei den Verspätungen heutzutage steht man sich am Bahnhof die Beine in den Bauch, um dann, je nach Jahreszeit, in überfüllten Zügen entweder zu erfrieren, zu ersticken oder gegrillt zu werden.
 
Dann gab es noch eine richtige Post, die ebenfalls in jedem Kuhdorf zu finden war. Und bei der – zumindest in der Regel – Briefe zuverlässig ankamen, selbst wenn die Oma dem Neffen einen Fünfziger reinsteckte.
 
Ach ja, die Preise für Strom, Gas und Wasser. Als Vater Staat das noch nicht privatisiert hatte, schimpfte zwar auch jeder über den Preis. Aber in astronomische Höhen ist er erst gestiegen, seit der Staat sein Tafelsilber verkauft hat – offiziell mit der Begründung, durch mehr Wettbewerb würden die Preise fallen. Dabei sollte nur abkassiert werden. Früher gab es einen Stromanbieter vor Ort. Man musste nicht stundenlang im Internet recherchieren, um festzustellen, dass bei einem anderen Anbieter kaum etwas gespart ist, dafür meist im Voraus bezahlt werden muss und nach einem Jahr vielleicht das böse Erwachen folgt.
 
Selbst im Arbeitsleben war einiges einfacher. Wer eine Ausbildung machte, hatte eine Lebensperspektive. Obwohl sich eine Krankenschwester oder Verkäuferin sicherlich keine goldene Nase verdiente, konnte sie von ihrem Gehalt und von der späteren Rente leben. Bis die Politik auf die Idee der Minijobber kam – mit fatalen Auswirkungen für die Sozialsysteme. Die Folgen wie Altersarmut trägt die spätere Generation.
Außerdem war früher noch klar, dass es in der Natur des Menschen liegt, sich so zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr sesshaft zu machen. Heute wird von jedem '"Flexibilität" erwartet, als hätten alle ein Vagabunden-Gen in sich.
 
Wenn ich jetzt noch ein wenig spekuliere, fallen mir bestimmt noch hundert Dinge ein, die sich zum Schlechten gewendet haben, aber garantiert auch ebenso viele Sachen, die besser geworden sein. Andere Zeiten, andere Herausforderungen!
Autor: Hannes Lehner