12.09.2017 Deggendorf
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Gastkommentar der Woche




Froh bin ich, wenn wir die Wahl endlich hinter uns haben. Denn schön langsam gehen mir die aufgeregten Polit-Talks auf die Nerven. Dabei sind nicht etwa die Politiker zappelig, sondern die Journalisten. Da wird jeder Satz mit der Stoppuhr vermessen – und der Zuschauer darf zugucken, wie der Zeiger unerbittlich vorrückt. Das ist ja soooo spannend! Und irgendwie ungerecht. Denn wer schnell reden kann, ist natürlich im Vorteil. Ich würde vorschlagen, bei der nächsten Wahlberichterstattung nicht die Sekunden, sondern die Silben zu zählen. Wobei man ehrlich zugeben muss, dass die Länge einer Rede noch gar nichts über Inhalt und Qualität aussagt. Aber darum geht es ja offenbar auch gar nicht. Es ist ein Rennen, ein Wettbewerb der Schlagworte. Schnell schnell! Nur ja keinen Zuschauer langweilen mit echten Informationen.

 


Der Blick in die Zukunft


Wenn man dann endlich den Rede-Marathon auf allen Kanälen überstanden hat, wenn auch noch die zweite Garde der Parteien gegen einander gehetzt wurde, wenn man also hofft, dass endlich wieder ein normales Fernsehprogramm gesendet wird, dann kommt die Stunde der Auguren. Im alten Rom hat man die Leber von Tieren beschaut, um die Zukunft vorherzusagen. Heute ist man da viel fortschrittlicher. Aber ist auch das Ergebnis besser?
Schon während der „Duelle“ werden zufällig gewählte Zuschauer als Jury angerufen und nach ihrer Meinung gefragt. Neben diesen Laien-Kritikern kommen natürlich auch die Profis ausgiebig zu Wort: die Psychologen und Stilberater, die Politologen und Analysten und natürlich die allgegenwärtigen Comedians. Und für die Vielfalt werden auch noch Beiträge aus Facebook und Twitter vorgetragen. Das wird bis zum Exzess ausgereizt. Nach den Grafiken, Belehrungen und Analysen im Fernsehen dürfen wir anderntags alles bis ins Kleinste in den Printmedien nachlesen – damit nun auch noch der Letzte erfährt, ob das Lächeln nicht ungeschickt war und ob nicht die Kandidaten besser wild auf einander losgegangen wären. Die falschen Klamotten? Die falsche Handbewegung? Die falschen Ohrringe? Alles, alles ist angeblich wichtig.
Jede Einschätzung wird bedeutungsschwanger vorgetragen. Zugleich beklagen sich dann alle, dass die Statements der Politiker eigentlich langweilig waren, ja dass der ganze Wahlkampf Biss und Witz vermissen lässt.

 


Prognosen sagen gar nix


Die letzten Prognosen werden abgefragt, jede noch so kleine Bewegung in den Grafiken wird wie eine Sensation vermeldet. Dabei weiß doch keiner, ob die 1000 Wähler, die gerade befragt wurden, nicht einfach schwindeln, weil sie keine Lust haben, ihre wahre Meinung zu bekunden. Wenn von 1000 nur zehn bewusst das Falsche sagen, ist die ganze Vorhersage im Eimer.
Aber irgendwie habe ich Verständnis für die Wähler, die bei Umfragen nicht ehrlich sind. Warum sollten sie Farbe bekennen? Wahlen sind geheim. Und erst in der Wahlkabine entscheidet sich, wer bei wem sein Kreuzerl macht. Eigentlich müssten wir den Schwindlern sogar dankbar sein. Denn ohne solche Unsicherheit könnten wir uns die ganze Wahl sparen und gleich die Umfragewerte als Ergebnis nehmen. So aber bleibt es spannend. Ich ahne schon, wie das in der Wahlnacht wieder wird, wenn die Analysten ungläubig den Kopf schütteln, weil sie wieder mal danebengelegen sind. Zum Glück brauche ich mir das nicht anzugucken: Ich darf beim Auszählen helfen. Und bis wir damit fertig sind, ist die größte Aufregung schon vorüber.

Autor: Cornelia Wohlhüter