14.08.2012 Berchtesgadener Land


Mehr Selbstmorde als Verkehrsunfallopfer






Geprägt von Angst, Unsicherheit & Vorurteilen: Suizid ist nach wie vor ein Tabuthema.

Im Landkreis sterben jährlich mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Verkehrsunfälle. Einer Auswertung des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd zufolge gab es 2011 im Berchtesgadener Land 34 behördlich registrierte Suizidversuche, von denen elf tödlich endeten – dem gegenüber stehen zehn Verkehrstote und eine Dunkelziffer an nicht erfassten Selbsttötungen und -versuchen.

 

Im Internet hat der statistisch belegte Nachahmer-Effekt mit schädigenden Suizid-Foren eine neue unüberschaubare Dimension, bis hin zum Trend erreicht. Medienberichterstattung zu den oft dramatischen Einsätzen von Polizei, Rotem Kreuz und Feuerwehr ist aus demselben Grund seit den 90er Jahren weitgehend tabu, weshalb die Öffentlichkeit nur selten mit dem schwierigen Thema konfrontiert wird. Deshalb bleiben Betroffene mit depressiven Gedanken und deren Angehörige unbewusst isoliert. Hinter Suiziden stehen jedoch immer ernstzunehmende psychische Probleme. Es gibt konkrete Warnsignale und ein dichtes Netz an Hilfsangeboten, das Gefährdete aber nur dann auffängt, wenn die Menschen um sie herum ohne Unsicherheit, Vorurteile und ohne Angst erkennen und verstehen, was passiert.

 

Rund 10.000 Tote pro Jahr in Deutschland

 


Die Suizidalität hat einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und umfasst alle sozialen Schichten, von Arm bis Reich: Während trotz steigenden Verkehrsaufkommens die Toten auf den Straßen immer weniger werden, bleibt die Zahl der Suizidtoten in die Deutschland mit jährlich über 10.000 erschreckend hoch. Etwa 100.000 Menschen überleben einen Suizidversuch, oft mit zusätzlich nachhaltigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Kein Fall ist dabei wie der andere und Verallgemeinerungen sind nur schwer möglich. Trotzdem gibt es wiederkehrende Muster. Auffällig ist ein erhöhtes Suizidrisiko im Alter: 40 Prozent der Betroffenen sind älter als 60 Jahre und wählen häufig den bewusst stillen und von anderen kaum wahrgenommenen Freitod aufgrund einer ausweglos erscheinenden Lebenssituation, oft bedingt durch Krankheit und Einsamkeit.

 


Suizidhandlungen in jüngeren Jahren sind dagegen vor allem auch ein bewusster oder unbewusster Hilfsappell an andere: Jugendliche und junge Erwachsene wählen dabei mitunter auch spektakuläre Methoden. Manchmal auch mit der Absicht, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen, zu protestieren oder andere auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam zu machen. Mitarbeiter im Rettungsdienst beschreiben dies als ein Phänomen der jüngsten Zeit, in dem sich offenbar eine von den Betroffenen erlebte Perspektivenlosigkeit widerspielt.

 

„Unterbewusst womöglich ein Versuch, in der Erinnerung anderer nach dem Tod weiterzuleben und so einen Status zu erlangen, der in der Realität nicht erreichbar schien“, meint Dieter Lenzenhuber, der seit Jahren als Krisenberater bei Suiziden psychische Erste Hilfe leistet. Er ist Mitgründer der Krisenintervention im Bayerischen Roten Kreuz (BRK) und heute in eigener Beratungspraxis als Individualpsychologe und Traumatherapeut in Augsburg tätig. Bei jungen Erwachsenen sind Suizide nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache. Bis zu 16 Prozent beträgt der Anteil der bis zu 24-Jährigen an den Selbsttötungen, wobei sich beispielsweise durch Drogen- und Verkehrsunfalltote mit unklarem suizidalem Hintergrund eine wesentlich höhere Dunkelziffer ergibt.

 

 

Ein gesellschaftliches Tabuthema

 


Historisch und kulturell geprägt ist Selbsttötung nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema, das mit Schamgefühlen belegt ist und über das keiner gerne spricht, zumal auch der Umgang mit Depressiven als sehr schwierig empfunden wird. Einsatzkräfte und betroffene Angehörige werden aber mitunter abrupt und hautnah mit der Realität konfrontiert. Die Öffentlichkeit bekommt jedoch nur wenig davon mit und geht sogar unbewusst wegen Angst und Unsicherheit, im Umgang mit Betroffenen etwas falsch zu machen, häufig auf Distanz. Betroffene oder depressive Menschen selbst werden dadurch mit ihren Erlebnissen isoliert und stehen trotz vorhandener Kriseninterventionseinrichtungen weitgehend alleine da. „Gerade deshalb ist es sehr wichtig über Hintergründe zu informieren und gefestigte Vorurteile abzubauen“, meint Lenzenhuber.

 

Der überwiegende Anteil an Suiziden ist das Ende einer oft langjährigen, psychischen Grunderkrankung (endogen) und nicht wie oft vermutet ausschließlich eine plötzliche Reaktion auf ein schlimmes, nicht lösbares Lebensereignis (exogen). Wenn eine tragende Säule des Lebensglücks wie Partner, Arbeitsplatz oder Gesundheit plötzlich wegbricht, reicht das allein ohne eine psychische Grunderkrankung in der Regel nicht für einen Suizidversuch aus, sonst würden sich alle Menschen auf kurz oder lang umbringen.

 

Die meisten Suizide geschehen in den ersten drei Monaten der Besserung nach einer schweren Krise, wenn der Patient genügend Energie gewonnen hat, seine Absichten umzusetzen. Suizidale Menschen wünschen sich Veränderung, einfach nur Ruhe oder wollen schlichtweg mit ihrem Handeln protestieren. Besondere Risikofaktoren sind depressive oder psychotische Erkrankungen, Suchterkrankungen, stark ausgeprägte aggressive Verhaltensstörungen und Impulskontrollstörungen.

 

Ursachen gibt es viele: Traumatische Erfahrungen, Gewalterfahrung, körperlicher und psychischer Missbrauch und Verlusterleben. Konkrete Auslöser für einen Suizidversuch erscheinen für Außenstehende manchmal banal, bringen für die Betroffenen aber das ohnehin schon volle Fass zum Überlaufen: Konflikte in der Familie oder im Freundeskreis, Trennung, Schul- und Berufsprobleme, Versagensängste oder Liebeskummer. Das Selbsttötungsrisiko ist bei Alkoholabhängigkeit etwa um das zehnfache erhöht, bei Drogenabhängigkeit sogar um das Zwanzigfache.

 

Die Gegenspieler Eros und Thanatos

 


Die meisten Menschen, die an Selbsttötung denken, schwanken zwischen dem Wunsch zu leben und dem, zu sterben. Sie spielen mit dem Tod und sie überlassen es anderen, sie zu retten. Kaum einer nimmt sich das Leben, ohne seine Gefühle anderen zu offenbaren. Selbsttötung an sich ist im Gegensatz zur steigenden Zahl an Depressionen kein Phänomen unserer Zeit, sondern eine Ausprägung des menschlichen Wesens: Die Klassiker der Weltliteratur beschreiben immer wieder, dass die Liebe zum Leben nur einen Wimpernschlag weit von der Todessehnsucht entfernt liegt. Die beiden von Sigmund Freud in der Theorie der Psychoanalyse beschriebenen, wissenschaftlich nicht unumstrittenen Urtriebe Eros (Liebes-, Lebenstrieb, benannt nach dem griechischen Liebesgott) und Thanatos (Todestrieb, benannt nach dem Todesgott der griechischen Mythologie) sind Gegenspieler, gehören aber untrennbar zusammen und bedingen sich gegenseitig.

 

Im Frühjahr versuchen sich die meisten Menschen umzubringen

 


34 polizeilich registrierte Suizidversuche, von denen elf tödlich endeten, gab es 2011 im Berchtesgadener Land. Die Dunkelziffer ist augenscheinlich aber noch wesentlich höher, da die genaue Ursache vieler Unfälle und Todesfälle im Dunkeln bleibt und bei näherer Betrachtung auch auf einen suizidalen Hintergrund schließen lässt. „Angehörige bringen jemanden selbst ins Krankenhaus, weshalb viele Versuche gar nicht erst bekannt werden“, erklärt BRK-Chefarzt Dr. Franz Leipfinger. Die Hoch-Zeit der Selbsttötungen ist aber nicht wie von vielen subjektiv empfunden im Herbst oder gar vor Weihnachten, sondern fast ausschließlich im Frühjahr und Frühsommer, wo sich seit 200 Jahren statistischer Betrachtung die meisten Menschen das Leben nehmen. Der Hauptgrund für Suizide in den Monaten April bis Juli ist eine schwere Form der Frühjahrsdepression, die nicht mit der durch Lichtmangel verursachten Winterdepression oder der harmlosen Frühjahrsmüdigkeit verwechselt werden darf, von der viele Menschen betroffen sind.

 

„Auffällig ist vor allem im Rettungsdienst, dass besonders viele Suizidversuche an Tagen passieren, wenn plötzlich das Wetter schön wird und das Leben in der Natur erwacht. Die Innenwelt der psychisch Kranken scheint dann plötzlich im krassen Widerspruch zum Umfeld zu stehen; offenbar für viele ein nicht lösbarer Konflikt, der sich in plötzlicher Todessehnsucht entlädt“, erklärt Lenzenhuber. Ein Mensch, der sich in einer schweren Depression befindet, kann den schönen Seiten des Lebens nichts mehr abgewinnen und weist diese missmutig zurück. Wenn alle Menschen um ihn herum gut gelaunt und lebensfroh sind, fühlt sich der Depressive in seinem Leiden noch weniger verstanden.

 

Daher setzen schönes Wetter und Sonnenschein depressiven Menschen, in Abhängigkeit der gerade wahrgenommenen Lebenssituation, häufig besonders zu. Die Symptome einer Frühjahrsdepression gehen dabei weit über die Symptome von Frühjahrsmüdigkeit und Winterdepression hinaus und sind geprägt von tiefer Hilf- und Hoffnungslosigkeit: Anhaltend depressive Verstimmung, fehlende Freude und Interessenlosigkeit sowie negative Gedanken und Wertlosigkeitsgefühle bezogen auf sich selbst, auf andere und auf die Zukunft. „Ich bin nichts, ich kann nichts, man mag mich nicht – und an allem bin ich selber schuld!“ beschreibt den seelischen Zustand sehr genau.

 

Warum die Medien nicht berichten

 


1774 wurde Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ veröffentlicht, was eine zweistellige Suizidwelle von gleichfühlenden Nachahmern zur Folge hatte, die sich mit dem jungen Rechtspraktikanten und seinem Freitod identifizierten. Als immer wieder kontrovers diskutierter Werther-Effekt wird deshalb bis heute die Annahme bezeichnet, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Suiziden, über die in den Medien ausführlich berichtet wurde, und einer Erhöhung der Suizidrate in der Bevölkerung besteht.

 

In der Neuzeit gibt es ähnliche Beobachtungen: Auf die Fernsehsendung „Tod eines Schülers“ hin stieg die Zahl von Suiziden Jugendlicher. Amoktäter, Prominente oder Stars, die sich das Leben nahmen, dienten als Vorbilder und hatten Nachahmer zur Folge. Mitte der 80er Jahre berichteten die Medien in Wien immer wieder über U-Bahn-Springer. Durch eine vom „Österreichischen Verein für Suizidprävention“ initiierte zurückhaltende Berichterstattung reduzierte sich die Zahl der U-Bahn-Suizide um mehr als 70 Prozent und blieb seitdem auf niedrigem Niveau.

 

Werther-Effekt 2.0: Todestrend in gefährdenden Suizid-Internetforen

 


„In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zu einer Identifikation mit dem Selbstmörder führen kann“, weiß Lenzenhuber, der zugleich vor schädigenden Suizid-Internetforen warnt, mit denen der Werther-Effekt eine neue, nicht mehr kontrollierbare und unüberschaubare Dimension erreicht hat. Suizidgefährdete, die eine professionelle Beratung benötigen, treffen dort virtuell aber nur auf andere Hilflose. Vor allem junge Menschen kündigen exhibitionistisch geprägt online ihre Suizidabsicht konkret an, geben sich unbemerkt von ihren Eltern zynisch und menschenverachtend Anleitungen für die besten Selbsttötungsmethoden, nennen Beschaffungsquellen für tödliche Medikamente oder verabreden sich zum gemeinsamen Freitod.

 

Wer am Lebenssinn zweifelnd allein im Zimmer stundenlang vor dem Computer sitzt, kann mit ein paar Mausklicks alles zum Suizid erfahren und wird sehr leicht vom destruktiven Sog der virtuellen Gruppe ergriffen. Gerade Jugendliche geraten dabei wie bei einer Sekte in einen Sumpf, aus dem sie selbst oftmals nicht mehr herauskommen. Experten in Beratungsstellen stehen dem Phänomen recht hilflos gegenüber. „Wenn sich jugendliche Internet-Freaks vor Freunden abschotten, nicht mehr mit sich reden lassen, gereizt und aggressiv reagieren und immer mehr vor dem Computer verkriechen, muss bei den Eltern eine Alarmglocke läuten“, erklärt Lenzenhuber. In der Bundesrepublik gibt es zwar ein dichtes Netz an Hilfsangeboten für Akutfälle, aber im Gegensatz zu anderen Ländern kein flächendeckendes Suizid-Verhütungsprogramm. Betroffene sind deshalb oft weitgehend sich selbst überlassen, außer die Menschen in ihrer direkten Umgebung erkennen die Warnzeichen und reagieren.

 

Erkennen und darüber sprechen kann Leben retten

 


Suizidprävention ist möglich, scheint aus Sicht der Betroffenen, die in ihrer psychischen Krankheit und beengten Selbstwahrnehmung gefangen sind, aber oft sinnlos. Was sie aber bewirken kann, hat der Schriftsteller Reiner Kunze in seinem Gedicht sehr einfühlend zum Ausdruck gebracht: „Selbstmord, die letzte aller Türen, doch nie hat man an alle schon geklopft.“

 

In Deutschland gibt es viele Hilfsangebote, die aber nur greifen, wenn Menschen im direkten Umfeld der Suizidgefährdeten wissen, auf was sie achten müssen und wie sie reagieren sollen. Denn psychisch Kranke sind oft nicht mehr in der Lage, selbst Hilfe anzunehmen oder gar zu suchen. Wer helfen will, sollte seine eigenen Grenzen erkennen, denn der Umgang mit schwer depressiven Menschen ist belastend. Kommen Suchterkrankungen, psychiatrische Krankheiten oder akute Selbstmordgefahr hinzu, führt kein Weg an professioneller Hilfe vorbei. Liegt der Verdacht einer Suizidgefährdung nahe, brauchen die Betroffenen umgehend fachärztliche Hilfe, Medikamente und Psychotherapie. Suizidandrohungen sind immer ernst zu nehmen. Je konkreter die Suizidgedanken sind, desto größer ist die Gefahr, umso mehr Handlungsbedarf besteht. Darüber zu reden, geduldig und aufmerksam zuzuhören, Hilfe anzubieten und nicht wegzuschauen kann in Akutsituationen Leben retten.

 

Gefordert ist dabei jeder im sozialen Umfeld der Betroffenen: Familie, Arbeits- und Schulkollegen, Freunde, Nachbarn, Pflegekräfte oder Betreuer. Vorboten und Signale einer Suizidgefährdung gibt es viele. Betroffene ziehen sich sozial und aus zwischenmenschlichen Beziehungen zurück, grübeln, leiden unter Stimmungsschwankungen, verändern ihr Erscheinungsbild, zeigen körperliche Symptome, geben gewohnte Aktivitäten und Interessen auf, künden die Selbsttötung direkt oder indirekt verbal, in Briefen, SMS, im Internet oder mit Zeichnungen und Symbolen an, treffen konkrete Vorbereitungen, geben sich abwehrend-aggressiv und verfallen in eine unerwartet auftretende Ruhe vor dem Sturm, wenn sie innerlich den Entschluss gefasst haben.

 

Zuhören ist meist am besten

 


Der Münchener Verein „Die Arche – Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e. V.“ gibt wertvolle Ratschläge für Angehörige von Suizidgefährdeten. Wer daran denkt sich das Leben zu nehmen oder es versucht, will aber oft nicht unbedingt tot sein. Er will nur nicht so weiter leben wie bisher, sieht aber keinen Ausweg. Die weitaus meisten Menschen, die eine Zeitlang an Suizid gedacht haben, sind später einmal froh darüber, dass sie noch am Leben sind. Wer im Gespräch helfen will, braucht nicht für den Betroffenen nach Lösungen suchen. Zuhören ist meist am besten, oft aber auch sehr schwierig. Wenn jemand daran denkt, sich das Leben zu nehmen, so darf man ihm durchaus auch einmal widersprechen oder eine Enttäuschung zumuten.

 

Die Angehörigen brauchen nicht Samthandschuhe anzuziehen, sondern dürfen offen und ehrlich reden, auch darüber wie es ihnen selber geht. Wer sich länger mit einem Gefährdeten beschäftigt, wird sich wahrscheinlich auch einmal erpresst und überfordert fühlen, vielleicht sogar schließlich die Nase voll haben und das Gefühl bekommen, er würde sich am liebsten zurückziehen. Gerade dann kann es entlastend sein, sich Rat und Hilfe bei jemand anderem in einer Beratungsstelle zu holen. Angehörige von Depressiven und Suizidgefährdeten stehen unter seelischem Druck; für sie ist es erleichternd, mit anderen darüber zu sprechen. Viele empfinden es als Schande, wenn einer aus der Familie an Suizid denkt und zögern daher, mit anderen Familienmitgliedern, Freunden oder gar Außenstehenden darüber zu sprechen. Das ist verständlich, aber nicht vernünftig. Wenn es nämlich schließlich zu einem Suizidversuch komm, vielleicht sogar mit tödlichem Ausgang, sind die Erschütterungen und das Aufsehen noch wesentlich größer.

 

Zeitlich begrenzter Aufenthalt in einer Klinik

 


In manchen Fällen kann für einen Gefährdeten der zeitlich begrenzte Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hilfreich sein. Diese Kliniken sind in den letzten Jahren moderner und humaner geworden und viele haben Krisenstationen eingerichtet. Das sind spezielle Abteilungen für Menschen, die sich in einer vorrübergehenden seelischen Notlage befinden. Es ist für alle Beteiligten leichter, wenn sich jemand von sich aus entschließen kann, die eventuell notwendige Hilfe einer Klinik in Anspruch zu nehmen. Einen Gefährdeten gegen dessen Willen in eine Klinik zu bringen ist ein schwerwiegender Eingriff, zu dem sich niemand leicht entscheidet. Sollten die Angehörigen den Eindruck haben, es sei dennoch nicht zu vermeiden, müssen sie sich Rat und Hilfe bei Fachleuten wie in einer Beratungsstelle, beim Hausarzt, Psychiater oder Notarzt holen.

 

Auch nach dem Suizidversuch eines Angehörigen hilft nicht falsche Schonung, sondern das Gespräch in respektvoller Offenheit am meisten. Dazu gehört auch die Frage wie es dazu kommen konnte, was schon lange als bedrückend empfunden wurde, und was eventuell der letzte Auslöser war. Dazu gehört aber auch das Mitteilen der eigenen Gefühlslage, die oft sehr gemischt sein kann und in der Wut, Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Angst und Liebe direkt nebeneinander stehen können. Jeder ist für sein Handeln, auch für einen Suizidversuch, letztlich selbst verantwortlich. Trotzdem können Angehörige einen unterschiedlichen Einfluss auf das Leben ihrer Nächsten nehmen. Überlegungen dazu entwickeln sich leichter im Gespräch als allein, zum Beispiel in einer Beratungsstelle. Wenn sich ein Mensch das Leben genommen hat, ist das für die Angehörigen sehr schlimm. Manchmal tut es gut, mit einem Außenstehenden darüber zu reden, auch noch nach Jahren.

 


Erste Hilfe für die Seele: Wie mit rascher Krisenintervention Leid gemildert wird

 


Die Angehörigen bei Suizideinsätzen befinden sich in der Regel selbst in einer psychischen Ausnahmesituation und benötigen Unterstützung. Trauer vermischt sich mit Schuldgefühlen, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ärger und Wut über das Verlassenwerden. In den ersten Stunden hilft der Kriseninterventionsdienst (KID) des Roten Kreuzes, dessen Möglichkeiten leider auch nur begrenzt sind. Im Gegensatz zur Polizei verhandeln die Krisenberater nicht mit suizidalen Patienten, betreuen und begleiten keine Klienten mit diagnostizierter psychogener Grunderkrankung oder Suchtmittel-Abhängigkeit. Der KID nimmt jedoch ehrenamtlich eine wichtige Aufgaben wahr: Er arbeitet den Polizei-Verhandlungsgruppen bei drohenden Suizidversuchen zu, überbringt mit den Beamten Todesnachrichten an Angehörige, kümmert sich um die Akutbetreuung von betroffenen Angehörigen, begleitet sie in den ersten Stunden. Zum Beispiel bei der Verabschiedung, sichert Ressourcen, versucht Perspektiven zu schaffen und sorgt frühzeitig für eine Vernetzung zu weiterführenden, professionellen Anschlusshilfen.

 

Sport vertreibt selbst schwere Depressionen

 


„Mens sana in corpore sano – in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“ – das wussten schon die alten Römer. Auch in der Therapie und Präventionsarbeit von schweren Depressionen bauen die Experten auf Sport und körperlichen Ausgleich anstatt rein auf Medikamente. Sportler erfahren mit dem „Flow-Erlebnis“ oder „Runners-High“ immer wieder die glücksspendende, positive Wirkung von Bewegung auf ihre Psyche. Von täglichem Training profitieren vor allem auch Menschen mit schweren Depressionen. Wie eine Vier-Jahres-Studie der psychologischen Abteilung des nordamerikanischen UT Southwestern Medical Center in Zusammenarbeit mit dem Cooper Institute in Dallas belegt, half die körperliche Aktivität auch Patienten, deren erstes Antidepressivum nicht angeschlagen hatte. Mäßige wie auch intensive tägliche körperliche Betätigung hilft demnach genauso viel wie ein zweites Medikament. Das zweite Medikament kommt bei Patienten dann zum Einsatz, wenn die Anfangsbehandlung keine Besserung gebracht hat.

 

Mit Vorurteilen aufräumen


Suizid war und ist ein Tabuthema, über das viele Vorurteile kursieren, die mitunter lebensgefährlich sein können:

 

Wer sagt, er bringt sich um, tut es sowieso nicht. Suizid geschieht ohne Vorzeichen.


Stimmt nicht, denn vier Fünftel aller Suizide werden direkt oder indirekt angekündigt. Nicht jeder will gleich tot sein, befindet sich aber eventuell in einer ausweglosen Situation, die andere unbedingt ernst nehmen sollten. Viele Menschen, die den Entschluss zur Selbsttötung gefasst haben, werden in den Stunden vor der Ausführung auch auffällig ruhig und wirken ausgeglichener wie sonst.

 

Bei einem Verdacht nur nicht nachfragen und schlafende Hunde wecken!


Falsch, niemand bringt sich um, nur weil ihn ein anderer darauf anspricht, sondern weil er bereits zuvor den Entschluss dazu gefasst hat. Die Praxis zeigt, dass Menschen erleichtert sind, wenn sie mit jemanden über ihre Gefühle und Gedanken sprechen können ohne gleich verurteilt zu werden. Die Neigung zum Suizid ist vererbbar. Das stimmt nicht. Es ist zwar richtig, dass es Familien gibt, bei denen über Generationen hinweg immer wieder Suizide vorkommen. Das hat aber aus Sicht vieler Fachleute nichts mit Vererbung zu tun, sondern eher damit, dass es Vorbilder und ein bestimmtes familiäres, soziales Umfeld gibt.

 

Wer an Suizid denkt, ist nicht normal.


Die meisten Menschen haben schon einmal eine Krise gehabt, in der sie dachten, es sei besser nicht mehr zu leben. Gerade im Jugend- und jungen Erwachsenenalter gibt es oft Situationen, Entwicklungen, die unüberschaubar sind, wo Weiterleben sinnlos erscheinen mag. Dann mal an Suizid zu denken ist normal. Aber: Konflikte und Probleme, vor allem dann, wenn man sich selbst als Problem sieht, können krank machen. Wenn Depressionen entstehen, zu vermeintlichen Problemlösern wie Alkohol oder Drogen gegriffen wird, steigt das Selbstmordrisiko. Dann ist es wichtig, frühestmöglich Hilfe zu suchen.

 

Wer einen Suizidversuch überlebt, der macht das nie mehr wieder.


Zwar gibt es viele Menschen, die nur in einem bestimmten, für sie schwierigen Lebensabschnitt, einmal diesen verzweifelten Schritt unternommen haben. Es gibt aber auch viele, die immer wieder, wenn sie in Problemen stecken, den Versuch wiederholen.

 

Nur Feiglinge bringen sich um.


Eine Selbsttötung ist keine Frage von Mut oder Feigheit. Es ist nur so, dass sich jemand so verzweifelt, einsam und hoffnungslos fühlt, dass er für sich keinen anderen Weg mehr sieht.

 

Nur Psychotiker bringen sich um.


Wissenschaftliche Auswertungen zeigen, dass suizidale Menschen zwar äußerst unglücklich, aber nicht notwendigerweise geistesgestört sind.

Autor: BRK/Markus Leitner
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