29.01.2013 Freilassing

Amateurfilm-Leidenschaft, Neid und Kleinbürgertum

„Hat schon was Verrücktes”


Kinodreh mit Gerhard Polt: Vom Antiquariat in Freilassing über ein Café in Bad Reichenhall bis zum Theater in Berchtesgaden.

Foto (v.l.): Kameramann Wolfgang Thaler, Regisseur Frederick Baker sowie die beiden Schauspieler Nikolaus Paryla und Gerhard Polt.

 

Grau, kalt, nass – nicht gerade Vorzeigewetter. „So ein bisschen Tristesse ist gar nicht schlecht für diese Filmszene”, erklärt der austro-britische Produzent und Regisseur Frederik Baker gerade beim offiziellen Pressetermin am Montagvormittag, 28. Januar, in Freilassing. Dort drehen er und das Team der Rat Pack Filmproduktion GmbH aus München (weiterer Bericht hier) seit vergangener Woche an 24 Drehtagen den Kinofilm „Und Äktschn!”, unter anderem mit Gerhard Polt, Maximilian Brückner, Nikolaus Paryla und Gisela Schneeberger in den Hauptrollen.

 


Das Medieninteresse ist groß. Polt zeigt sich gut gelaunt und ganz so, wie ihn sein Publikum kennt und liebt: bayerisch, deftig, lustig und auch ein bisschen nachdenklich. Bis 22. Februar soll der Film im Kasten sein und spätestens im Frühjahr 2014 in den Kinos anlaufen.

 

Die Handlung spielt wie im richtigen Leben. Es ist ja auch eine Realsatire. Ganz Polt eben. Und ganz in der Tradition von Filmen wie „Monaco Franze”, „Man spricht Deutsch” und „Kehraus”.

 


Die Filmfigur Hans A. Pospiech (Gerhard Polt) ist Sohn eines Sudetendeutschen, ein Träumer und auch ein bisschen irr in seiner Filmleidenschaft, in der er ganz aufgeht. Um ihn herum strickten Polt und Baker eine Geschichte aus Kleinbürgertum, Geldgier und Neid.

 

Freilassing entpuppte sich aus vielen Gründen als idealer Drehort. Der erfundene Filmort Neufurth ist eine bayerisch-österreichische Grenzstadt. Die ganze Geschichte spielt sich hier ab, auch wenn einzelne Szenen in Salzburg, Bad Reichenhall (zwei Drehtage) und Berchtesgaden (ein Drehtag) gefilmt werden. Unabhängig davon kommt das benachbarte Salzburg auch wirklich vor. Als sie das Drehbuch schrieben, schwebte Polt und Baker eine Reichenberger oder eine Karlsbader Straße vor. Dann kamen sie nach Freilassing und fanden tatsächlich Straßen mit diesen Namen.

 


Einen ganzen Tag lang liefen die beiden im vergangenen Sommer durch Freilassing und sahen sich „50 Prozent aller Garagen an”. Bis sie in der Reichenberger Straße genau die Garage ihrer Vorstellung fanden. Selbst das Fenster an der Hausfront, hinter dem immer nur der Schatten der Ehefrau Pospiechs zu sehen ist, ist die perfekte Kulisse. Das Innere der Garage ist aus drehtechnischen Gründen in einem Studio in Salzburg nachgebaut.

 

Noch ein bisschen echter Freilassing-Flair im Film: Die Filmmacher thematisieren am Rande das Dauerärgernis Fluglärm. Die Requisite fertigte ein Transparent für den Gartenzaun an. „Dann stört es wenigstens nicht, wenn während des Drehs wirklich ein Flugzeug drüberfliegt“, erklärt Baker den Journalisten pragmatisch. Und als ob man es den heimischen Medien noch mundgerechter servieren möchte, wartet das Team für die nächste Szene gerade auf ein Flugzeug.

 

Polt nutzt eine der Drehpausen für ein Pressegespräch im beheizten und mit Biertischen ausgestatteten Aufenthaltsraum, der sich zweckdienlich in einer Art Anhänger befindet und mit Planen erweitert wurde. Mit einem fröhlichen, tief bayerischen „gut moagn mitanand” marschiert er durch die Tür und zieht sich in seiner typisch verlegen wirkenden Geste und dazu passendem Gesichtsausdruck die Mütze vom Kopf.

 


Der Kabarettist und Schauspieler beantwortet ruhig und konzentriert alle Fragen der Journalisten – ein Profi, ein alter Hase im Geschäft, wie man so sagt und spürt. Polt spricht davon, dass ein Film immer Teamwork sei, davon, dass der Teamgeist und das einander begreifen „was Tolles” sei.

 


Und auch darüber, dass es „einfach schee” sei, an der Seite seiner alten Schauspieler-Weggefährtin Gisela Schneeberger zu „spuin”, ebenso wie davon, überhaupt einen Film zu machen, um dann zu sinnieren: „Mich beeindruckt es schon, dass ich noch einen Film mache. Wenn ich daran denke, wie viele schon nimmer leben, mit denen ich gearbeitet hab´.” Namentlich spricht der 70-Jährige Ruth Drechsel und Helmut Fischer an. „Das ist wie bei den zehn kleinen Negerlein, es werden immer weniger.”

 


Zur Filmgeschichte und der von ihm gespielten Figur Pospiech erzählt er, dass es ein Mann mit einer „Obsession”, eben der Filmleidenschaft, sei. Um sich noch besser in seine Filmrolle einzufügen, besuchte er einen solchen Filmbesessenen aus der Gegend. „Da beschreibst du einen solchen Menschen und triffst plötzlich jemand, der so ist.”

 

Es habe manchmal schon etwas Verrücktes, wenn sich Menschen gegenseitig Urlaubsfilme zeigen und dabei eine übermäßige Begeisterung für eigentlich völlig nebensächliche und uninteressante Abläufe an den Tag legen.

 


„Was die Leute filmisch dokumentieren wollen, ist heute manchmal irre. Da gehst Du in die Sixtinische Kapelle und siehst nur noch Leute, die nicht mehr schauen, sondern die Umgebung mit dem Handy abstreifen. Ich frag´ mich, ob die Leute überhaupt Zeit haben, das daheim alles anzuschauen“, so Polt und schwenkt zurück zu seiner Filmfigur: „Der draht wirklich ... vielleicht einfach mal durch!”

 


Gerhard Polt wuchs in Altötting auf und kommt noch regelmäßig hin. Erst vor ein paar Wochen zum Klassentreffen. „Wir saßen zwei Stunden beieinander und haben eigentlich nur davon gredt, dass wir sauber ­her­gfotzt worden sind.” Nach Freilassing sei er früher „eigentlich nicht” gekommen, sagt Polt.

 

Ob die Filmpremiere des Kinofilmes „Und Äktschn!” in Freilassing oder der hiesigen Gegend stattfindet, kann Polt jetzt noch nicht sagen. Das entscheidet er nicht. Aber es würde ihn freuen, betont er. Bescheiden sagt er zum Abschied: „Druckt’s uns an Daumen, dass der Film ein Erfolg wird.” Dazu dieser typisch schüchtern-unterwürfige Kleinbürger-Polt-Blick. Herrlich. Man möchte eigentlich viel lieber noch dasitzen und mit ihm reden. Aber der Dreh ruft.

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Autor: Tanja Weichold
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