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04.07.2012 Regen

Wenn der Körper die Knautschzone ist

Sicherer unterwegs mit dem Motorrad


Motorradunfälle nehmen in der warmen Jahreszeit wieder zu, was zum Teil auch an der Erntezeit in der Landwirtschaft liegt – Expertentipps vom ADAC und von einem Trainer der Deutschen Verkehrswacht, wie man Unfälle vermeiden kann und - falls sie nicht vermieden werden können - wie man sich trotzdem schützen kann

Motorradfahren macht Spaß – und die sommerlichen Temperaturen der vergangenen Tage ließen die Biker richtiggehend ausschwärmen. Doch: Je wärmer das Wetter, um so höher auch die Zahl der Motorradunfälle. Alleine im Landkreis Regen waren es am vergangenen Wochenende zwei Motorradler, die verunglückt sind. Beide zogen schwere Verletzungen davon, einmal musste sogar der Rettungshubschrauber anrücken.


Ein tödlicher Unfall bei Klingenbrunn vor wenigen Wochen hat aufgezeigt, was eine der größten Gefahrenquellen für Motorradler ist: Das nicht gesehen werden. Ein Traktorfahrer bog nach links in einen Waldweg ein, er übersah das entgegen kommende Motorrad. Ein junger Mann aus Frauenau ließ dabei sein Leben. Sinnlos – es gibt kein anderes Wort dafür.

 

Blick vom Hindernis lösen, Fluchtwege suchen


Beim ADAC in München ist man seit Jahren darum bemüht, die Zahl der Unfälle zu reduzieren – und das gehe nur durch Vorbeugung, sagt Pressesprecherin  Kathrin Müllenbach-Schlimme. „Eine wichtige Rolle spielt dabei die Erkennbarkeit“, weiß sie aus der Erfahrung. Deshalb rät der ADAC dazu, richtig auffällige Motorradkleidung zu tragen – also nicht schwarz oder braun, „sondern mit knalligen Farben, die gesehen werden“, rät Müllenbach-Schlimme.


Eine Forderung des ADAC ist es zudem, das Tagfahrlicht für Motorräder zu forcieren, „denn nur so können die Fahrer besser gesehen werden“, ist die ADAC-Sprecherin überzeugt. Das alleine reiche allerdings nicht aus: „Manche Autofahrer sehen ein entgegenkommendes Motorrad zwar, aber es ist ihnen egal oder sie schätzen dessen Geschwindigkeit falsch ein“, sagt Müllenbach-Schlimme. Die Folge: Der Bremsweg für den Biker wird zu lang. Kommt es zum Zusammenstoß, so hat er keine Knautschzone, „denn das ist nur sein eigener Körper.“

 

70 Prozent der Motorradfahrer beherrschen das Bremsen nicht

Gerade da könnten Motorradfahrer das meiste für ihre Sicherheit, vielleicht sogar für ihr Überleben tun. Heinz Schönbrunner aus Schönanger macht mit der Kreisverkehrswacht Freyung-Grafenau jeden Frühling ein Sicherheitstraining für Motorräder. Er ist zertifizierter und lizensierter Trainer: „Wir gehen nach einem festen Regelwerk vor“, sagt er. Seit 1996 ist er Trainer „und mir ist seitdem kein Fall bekannt, dass einer einen schweren Unfall hatte, der bei uns mitgemacht hat.“


Der entscheidende Faktor für einen Motorradunfall sei der Motorradfahrer selbst: „Selbst wenn man Vorfahrt hat, muss man wissen, dass man selber die größten Schmerzen erleiden muss, wenn etwas passiert.“ Die Schuld auf die Auto-, Traktoren oder Mähdrescherfahrer zu schieben, die per se Unfallverursacher sind, sei zu einfach, so Schönbrunner.


Deshalb gelte es, sich zu rüsten für den Ernstfall: Sicherheitstraining. Das beginnt mit dem Langsamfahren, „das sind Stabilisierungsübungen, mit denen man den Umgang mit seinem Motorrad richtig lernen kann“, sagt Schönbrunner. Wer langsam fahren könne, der beherrsche auch die Geschwindigkeit.


Und auch die gilt es zu üben: „Im Straßenverkehr kann man nicht an die Grenzen gehen, das kann man nur auf dem Übungsplatz.“ Deshalb geht es im Training auf die Kreisbahn, um einmal in die Grenzbereiche der Schräglage zu gelangen. „Viele können das gar nicht, wissen nicht, wieviel Sicherheitsreserve ihr Motorrad hat“, weiß Schönbrunner. Ein Grund für Unfälle in Kurven: Der Motorradfahrer fürchtet zu schnell zu sein, bremst oder richtet sich auf – und ab geht es, geradeaus in die Leitplanke oder auf die Gegenfahrbahn.

Motorrad beschleunigt schneller als ein Formel1-Renner


Das Gleiche gelte für das Bremsen: Auf dem Übungsplatz kann man die Hinterräder blockieren lassen, man kann die Vorderräder blockieren lassen, ohne dass Gefahr entsteht. „70 Prozent der Motorradfahrer können keine echte Gefahrenbremsung, weil man das in der Fahrschule gar nicht lernen kann“, weiß Schönbrunner. Auf dem Übungsplatz können die Abläufe förmlich eingeschliffen werden.
Der wesentlichste Faktor allerdings, um Unfälle zu vermeiden, sei der Blick: „Man muss den Blick vom Hindernis lösen und den Ausweg suchen. Wer diesen sieht, der findet ihn wie von Geisterhand geführt“, ist Schönbrunner überzeugt. Selbst wenn nur 20, 30 Zentimeter Platz bleiben, um auszuweichen: Wer sich darauf konzentiert, der kommt am drohenden Unfall vorbei. „Diese Erkenntnis muss tief gehen, die muss sich ins Hirn einbrennen“, sagt Schönbrunner deutlich. Einfach gesagt: „Wo ich hinsehe, da fahre ich hin.“ Eine Regel, die übrigens auch für Autofahrer gilt.


Und schließlich sei alles auch eine Frage der Technik: „Alleine 21 Prozent der Motorradunfälle könnte vermieden werden, wenn die Bikes serienmäßig und verpflichtend ein ABS-System hätten“, weiß Müllenbach-Schlimme. Denn die Bremsen, der Bremsweg sei der größte Schwachpunkt, der zum Unfall führe. Noch sei es aber nicht so weit, dass eine gesetzliche Regelung für diese technische Ausrüstung gefunden sei.


Über allem gelte eines: „Motorradfahrer müssen vorausschauend fahren, man muss die Gefahrenquellen erkennen, bevor sie entstehen“, sagt Schönbrunner. Ein Motorrad beschlunigt von Null auf 250 in zehn Sekunden – das kann kein Formel1-Renner. „Kein Autofahrer kann das einschätzen, wenn er selber nicht auch Motorrad fährt“, weiß Schönbrunner. Deshalb sei es auch nötig, sich an die Geschwindigkeitsbeschränkungen zu halten: „Denn die haben alle einen Sinn.”

Autor: Lothar Wandtner