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29.08.2012 Regen, Bijeljina
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Verrückte Welt


Eindrücke aus Bosnien

„Willkommen in der verrückten Welt“, mit diesen Worten wurde meine Familie von unseren Bekannten in Bijeljina, Bosnien-Herzegowina, empfangen, als wir im Urlaub dort einen Besuch machten. Die Stadt feierte gerade Kirmes, als wir kurz vor Mitternacht ankamen – es dröhnte aus Lautsprechern, es war immer noch heiß und Balkanmusik umspülte unsere Ohren. Die verrückte Welt – was meinte unser Gastgeber damit?


Bijeljina liegt im Dreiländereck Bosien-Kroatien-Serbien. Es ist eine Stadt, die enormes leisten muss. Vor 20 Jahren, da hatte sie vielleicht 50000 Einwohner – heute sind es fast drei Mal so viele. Die Stadt war Ziel vieler Flüchtlinge, allesamt bosnische Serben, allesamt serbisch-orthodoxen Glaubens, die ihre Heimat irgendwo in dem Dreieck zwischen Sarajewo, Zenica und Tusla verloren haben. Opfer des Krieges, die den Moslems in ihrer alten Heimat das Feld räumen mussten.


Wenn man das Schicksal dieser Menschen betrachtet, dann geht es nicht um die Frage nach Schuld. Es geht nicht darum, wer die Bösen sind: Sind es die Moslems, die Serben, die Kroaten? Egal – denn in Bijeljina wird deutlich, was eigentlich jeder Mensch weiß: Im Krieg gibt es nur Verlierer.


Tief sind die Wunden, und sie werden spürbar, wenn man das Kloster in der Stadtmitte besucht. Wenn man sieht, wie Tränen fließen, wie auf einmal der Trubel, der in dieser Stadt herrscht, für Minuten vergessen ist. Ja, nicht einmal mehr hörbar ist.
Die Flüchtlinge haben versucht, sich eine neue Heimat zu schaffen. Sie haben Häuser gebaut, obwohl sie im Schnitt vielleicht nur 300 oder 400 Euro im Monat verdienen. Riesige Neubausiedlungen grenzen an die Stadt, wie Spinnenbeine ragen sie in die weite Landschaft hinein. Rohbauten, fast alle. Zweistöckige Häuser, von denen nur die wenigsten ein ausgebautes Obergeschoss haben. Unten sieht man den Fernseher laufen, oben sind die Fenster mit Brettern vernagelt, weil man kein Geld hat, weiter zu machen.


Und doch: Die Leute dort scheinen ein gelassener Menschenschlag zu sein. Sie feiern bis tief in die Nächte hinein, man hört Musik, es fließt viel Alkohol, es scheint, als sei nie etwas passiert. Tief drin sind sie verletzt – weil ihre Familien in die ganze Welt verstreut sind. Es gibt kaum Perspektiven in der Heimat.
Ich habe dabei wieder so etwas wie Demut erfahren. Wie gerne jammern wir doch, wie schlimm alles ist, wie schwer das Leben, wie wenig das Geld. Ehrlich, ich weiß es jetzt wieder: Wir sind ahnungslos.
 

Autor: Lothar Wandtner