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19.09.2012 Regen
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Heimarbeit schadet

Lothar Wandtner
Foto: Klaus Döhler
oder: Die Montage eines Badschrankes

Arbeit schändet nicht, heißt es. Aber sie schadet, sage ich. Dabei rede ich nicht von der beruflichen Arbeit. Die ist immer toll, denn mit der verdienen wir uns den Unterhalt. Nein, Schaden richtet vor allem die Arbeit an, die man zu Hause verrichtet. Weil man der Meinung ist, dass man es kann. Weil einem die Werbeindustrie vorgaukelt, alles zum eigenen Projekt machen zu können und der Hammerschlag auf einen Nagel zum massenwirksamen Jubel-Ereignis werden kann. Mag sein. Aber nicht in meinem Leben.


Die Realität sieht nämlich so aus, dass ich in einen Diskonter gehe und dort – in einem Anflug völliger Heimwerker-Selbstüberschätzung – zwei kleine Schränkchen für das neu einzurichtende Bad meiner Kinder kaufe. Ich entscheide mich für eine Bauanleitung in einer mir unbekannten Sprache, weil die Erfahrung lehrt, dass man deutsche Montageanleitungen auch nicht versteht und man sich lieber auf die Bilder verlässt.


Es geht hurtig voran, Schrauben, Ösen und Holzdübel gleiten förmlich in die für sie vorgesehenen Stanzen. Meine Freude wächst, als der Korpus des ersten Schränkchens Formen annimmt, als ich die Schubladen einpasse und sie funktionieren. Ich klopfe mir auf die Schulter, stolz, ein Mann zu sein. Da fällt mir auf, dass die Stehfüße noch fehlen. Ach, ein kleines Fehlerchen. Flugs baue ich zwei Schubladen noch einmal aus, schraube die Dinger an, setze die Schubladen wieder ein.


Jetzt folgt die einfachere Sache: eine Kommode mit Klapptüren. Ich lege wieder ordentlich los, formiere im Geiste die sechs oder sieben Teile des Korpus’ zu einem Ganzen, sehe mich schon, wie ich elegant die Schrauben eindrehe und das Schränkchen zu einem Kunstwerk zusammen baue. Ich fange an zu bauen, schraube hier, schraube dort, da fällt mir auf, dass jedes Brett irgendwie andere Bohrungen aufweist. Ich vergleiche mein Werk mit den kroatischen Bildern – falsch. Ich demontiere wieder, wobei natürlich so manche Stanzung bereits an Form verliert, weil das Zeug nicht zum mehrmaligen Herumschrauben konstruiert ist. Ich liege jetzt unter einem Haufen Kommoden-Bretter und ringe nach Luft. Ich fühle mich schlecht. Einsam. Ausgenutzt. Mein Herzrhythmus stößt in gefährliche Bereiche vor. Ich schraube wieder alles zusammen.


Die Klapptüren passen nicht! Die Halterungen sind auf der falschen Seite. Ich gehe Eine rauchen. Spüre, wie meine Hände zittern und fiebrig-kalter Schweiß auf meiner Stirn steht. Ein wenig friere ich auch. Und dann dieser Druck auf der Brust.

Heimarbeit schadet.

Autor: Lothar Wandtner