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09.10.2012 Berlin
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Ehrlichkeit...

Peer Steinbrück
Foto: pm
Peer Steinbrück und die Nebeneinkünfte

...ist in unserer Gesellschaft ein großes Problem geworden. Der Umgang mit der Wahrheit ist schwierig. Sagt man sie – dann kann man schon in der Falle sitzen. Sagt man sie nicht – dann sitzt man in der Falle. Tut man so, als ob nichts wäre – wehe dem, dessen Leben umgegraben wird. Ganz drastisch wird das, wenn jemand ins Rampenlicht der Öffentlichkeit kommt. Oder gar, wenn er zum Kanzlerkandidaten gekürt wird.


Peer Steinbrück also. Der Hoffnungsträger von Helmut Schmidt. Die Antwort auf Angela Merkel. Der Mann, der die Linken in der Sozialdemokratie arg ins Schwitzen bringen kann, aber trotzdem selbst bei der SPD mehrheitsfähig zu sein scheint. Dieser Mann hielt und hält Vorträge. Und dafür kriegt er gutes Geld – mehrere tausend Euro pro Auftritt.


Klar, dass das irgendjemanden aufregen muss. Am besten eignet sich dafür der politische Gegner, denn der kann ja gleich mal auf den Konkurrenten eindreschen. Wenn auch wenig Sinn und noch weniger Verstand hinter den Attacken zu stehen scheint.


Freilich. Steinbrück hat sich dumm angestellt. Er hat den üblichen Politiker-Reflex angewendet und zunächst mal gesagt, das ginge niemanden etwas an, was er für seine Vorträge verdient. Als erfahrener Politiker hätte er wissen müssen, dass Themen abgearbeitet werden, wenn sie schon mal im Raum stehen. Je mehr man sich verweigert, umso tiefer wird gegraben und um so mehr wird zutage gefördert. Das ist übrigens ein Zeichen dafür, dass wir in einer lebendigen Demokratie leben. Und es zeigt, wie wichtig Pressefreiheit ist.
Die andere Seite der Medaille ist aber, dass im politischen Wettstreit nicht mehr die inhaltliche Auseinandersetzung im Mittelpunkt steht, sondern die persönliche Diffamierung oder der Anstoß einer populistischen Neid-Debatte. Die Suche nach der Leiche im Keller ist in der Politik mittlerweile wohl wichtiger geworden, als die Entwicklung tragfähiger politischer Lösungen. Daran, so fürchte ich, droht unsere Demokratie großen Schaden zu nehmen.


Im Übrigen sind die Vorwürfe an Peer Steinbrück sowieso Kokolores. Dass Politiker Geld für Vorträge verlangen, ist nicht wirklich die Erfindung des SPD-Kanzlerkandidaten und dürfte quer durch alle Parteien gängige Praxis sein. Dass Politiker nicht alle ihre Einkünfte gerne offen legen – nun ja, wer an den gläsernen Abgeordneten glaubt...


Aber: Steinbrück wird vorgeworfen, dass er hohe Honorare einstreicht. Da sage ich: Wenn er hohe Honorare wert ist, dann vielleicht, weil er was zu sagen hat. Oder?
 

Autor: Lothar Wandtner