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13.03.2012 Regen
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Ausbrecher-Könige


Das Kreuz mit den Ratten

Während die einen im Laufe ihres Lebens auf den Hund kommen, ist es bei mir die Ratte. Die chilenische Strauchratte – gerne auch als Degu bezeichnet, damit es nicht so hart klingt. Ich habe Sie bereits darüber informiert, dass zwei solche Exemplare seit einigen Wochen mein Leben bereichern. Was anfangs damit begann, dass man gerne so Worte wie „süß“, „niedlich“ oder gar „lieb“ in den Mund nahm, hat sich im Laufe der Wochen gewandelt. Heute sind die beiden possierlichen Tierchen die Herrscher über einen vierköpfigen Haushalt, die keine Götter neben sich dulden.


Weil ihnen ohnehin der Ruf voraus eilt, sie seien Ausbrecherkönige, hat meine kleine Familie vorgesorgt und einen großen Käfig aus Stahl angeschafft, der den Degus den Weg in die Freiheit erschweren soll. Wie wir heute wissen, reicht das alleine noch nicht aus.
Eine kleine Lücke, direkt unter dem Dach, blieb von den beiden Rackern lange unentdeckt. Reinigungs- und Wartungsarbeiten an ihrem Zuhause haben die Situation verändert. Weil wir das Dach mal kurz abschraubten, um neue Erlebniswelten im Innenraum des Käfigs zu schaffen – und auch weil diese Arbeiten  nicht auf einen Tag abgeschlossen wurden – wurden wir ein wenig liderlich. Halbherzig habe ich das Dach vorübergehend mit nur zwei anstatt vier Schrauben fixiert.


Die beiden Ausbrecher nutzten die Gelegenheit und entwichen nächtens unbemerkt. Am Morgen danach war der – gottseidank – abgeschlossene Abstelltraum, in dem der Käfig steht, in ein Schlachtfeld verwandelt. Ein arg chemischer Geruch weckte uns morgens.
Ich fasse mal kurz zusammen: Nagen ist die Hauptbeschäftigung der beiden Tiere – also zum Beispiel mögen sie Holzmöbel. Besonders interessant scheint ein Kanister Frostschutzmittel für die Auto-Waschanlage gewesen zu sein, dem sie ebenfalls ein paar hübsche Löcher zufügten. Wie die einst voll gestellten Regale aussahen, überlasse ich Ihrer Phantasie.


Gut, putzen ist nicht das Problem. Schwieriger ist es, die Viecher wieder einzufangen. Aber so ist es nun mal, wenn man auf die Ratte gekommen ist: Da robbt ein Ehepaar übellaunig am Boden entlang, lockt seine Strauchratten mit köstlichen Erdnüssen zu sich, fiept ihnen freundliche Töne entgegen, um sie dann doch nicht fassen zu können.


Irgendwann gelingt es doch – und treuherzige Knopfaugen tun so, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Trotzdem: Den Käfig habe ich zur Sicherheit noch einmal zusätzlich mit Stahl bewehrt. Ob’s hilft?

Autor: Lothar Wandtner