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07.07.2012 Marktl

w-reporter

Da sammer dabei!


Meine Sicht der Dinge: Der Sportblog von Johannes Mittermeier

Da die Europameisterschaft mittlerweile in den Annalen festzementiert ist, legt sich das Sinnlosigkeitsdilemma wie ein schwerer Schleier über die Menschheit. Was tun bis August? Auch ich bin diesem existentiellen Aufruf nachgegangen. Um nach einer halbwegs geeigneten Beschäftigungstherapie zu trachten - und da sich dieses Konstrukt zwar SPORTblog nennt, jedoch stets ausschließlich das runde Leder thematisiert wird. Das ändert sich hiermit. Heute beginnt eine neue Zeitrechnung: Nur noch ein winziger Bruchteil des Eintrags geht über Fußball. Als sichtbares Zeichen der Neuausrichtung habe ich in weltweiten Online-Foren, bei Besuchen im Weißen Haus und der Chinesischen sowie Berliner Mauer nach Gastautoren gesucht, die meine Wissenslücken mit fachkundiger Expertise schließen. Frei nach dem Motto:

Jetzt sammer schlauer!

Diese Woche sollte das Hervorstechendste aller Tennis-Turniere, die Schrei - und Stöhn-Meisterschaften zu Wimbledon, im Mittelpunkt stehen. Unglücklicherweise ist es mir trotz höchstem Einsatz nicht gelungen, die entsprechende Prominenz zum Tippen einiger Zeilen bewegen zu können. Schuld war eindeutig die verflixte Technik: Boris Becker beklagte während unseres Telefonats den miserablen Empfang in seiner Besenkammer, wohingegen die Video-Konferenz mit Steffi Graf, Andre Agassi, Pete Sampras und John Mcenroe auf einen Schlag beendet war, als nämlich Letzterer vor lauter Wut über lästige Tonaussetzer sämtliche Laptops auf dem Boden zertrümmerte. Angesichts dessen blieb auch mir nichts anderes übrig, als mich fluchend zu artikulieren:

Ja, wo sammer denn?

Also muss ich notgedrungen nun selbst fremdes Terrain betreten. Ohne freilich hoffnungslos aufgeschmissen zu sein. Ich habe da durchaus meine Kontakte. Einer davon meinte vor Beginn der Wimbledon-Wettkämpfe, ein Scheitern eines Weltklassespielers in den anfänglichen K.o.-Runden sei völlig unrealistisch und praktisch unmöglich. So gesehen muss das klägliche Aus des spanischen Sandplatz-Königs sprichwörtlich der Nadal im Heuhaufen sein. Unsere deutschen Asse sind da weitaus erfolgreicher. Damen wie Herren, wer hätte das gedacht? Letztlich wurde Sabine Lisicki bekanntlich von Angelique Kerber niedergerungen - wenigstens eine deutsche Angie erreichte also, was sie wollte. Zumindest temporär. Immerhin.

Wer an dieser Stelle einen tieferen Einsteig in Details und Spielanalyse erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Im Grunde habe ich von diesem Sport nicht den blassesten Schimmer. Das ist zwar immer noch mehr als die meisten TV-Kommentatoren, reicht allerdings nicht einmal für laienhafte Hintergrundberichte aus. Ehrlich gesagt scheitert es bei mir schon an der exakten Kenntnis der Regeln. Hinter der kryptischen Zahlenreihe 0-15-30-40 vermutete ich lange Zeit eher das Alter der Frauen von Lothar Matthäus - natürlich in fallender Reihenfolge. Tom Cruise macht es sich da leichter und verlässt seine jeweiligen besseren Hälften jeweils beim groben Mittelwert von 33. Aber Moment: Ich schweife ab.

Toll finde ich zwei Dinge: Erstens die Durchsagen auf englisch („Ädwäntätsch Dschoikowitsch“) und zweitens diese brutale Unberechenbarkeit des Spiels. Im Fußball ist es ja so: Zweiundzwanzig Spieler laufen neunzig Minuten einem Ball hinterher und am Ende gewinnt immer Spanien. Wie langweilig. Beim Tennis verhält es sich indes komplexer. Weder Dauer noch Ergebnis sind vorher auch nur ansatzweise zu erahnen. Die Italiener wissen schon, warum sie bevorzugt auf Fußballpartien wetten - die Vorhersehbarkeit ist ungleich höher. Und damit auch die Erfolgsquote.

Apropos Italien: Seit dem verlorenen Halbfinale bei der EM reden alle nur vom Singen der Nationalhymne, welches ausschlaggebend sei für Sieg oder Niederlage. Leute, das ist doch Kokolores. Ich habe zumindest keinen Spanier jemals innbrünstig mitgrölen sehen, trotzdem besitzen sie hinsichtlich der Pokal-Verteilung eine gewisse Monopolstellung. Auch in diesem Punkt kann Tennis eindeutige Vorteile aufweisen. Diskussionen solcher Art führt dort keiner - allein deswegen, da alle Beteiligte mit dem Gekreische IM Spiel vollends ausgefüllt sind. Ergo braucht man sich also nicht vor Millionen Zuschauern mit seinen nicht vorhandenen Gesangskünsten lächerlich machen, vielmehr genügt zur allgemeinen Zufriedenheit die bloße Anwesenheit. Im Sinne von:

Da sammer dabei!

Im Volkssport Nummer eins, der viele zu atypischen Verhaltensmustern und manche zu Tränen rührt, ist hingegen reichlich wenig passiert. Eine klare Sache vom Sammerloch. Verzeihung, Schreibfehler: Sommerloch. Was wäre zu berichten? Die spannendsten News waren noch, dass Leverkusen seinen Ersatz-Rechtsverteidiger da Costa an Zweitligist FC Ingolstadt ausleiht und Manchester City während der Vorbereitungsphase auf Dresden trifft. Ein echter Härtetest für den englischen Champion. Darauf freue ich mich, wenn ein 30.000-Mann-Sachsen-Chor dem Sportskameraden Balotelli seinen unwiderstehlichen Schlachtruf entgegenbrüllt: „DÜ-NÄ-MÖ!!!“ Herrlich.

Abgesehen davon überlege ich jedoch die ganze Zeit, welche Feinkost dem hungrigen Konsumenten darüber hinaus aufgetischt werden könnte. Die „Akte Breno“ lasse ich ganz bewusst raus, weil mich dieser Fall nicht so brennend interessiert.

Ach ja richtig - Stichwort Breno, Tatort Säbener Straße: Der FC Bayern hat Christian Lehrlinger durch einen neuen Manager ersetzt. Eigentlich kaum der Rede wert, zumal mir der Name auch schon wieder entfallen ist. Zugegeben: Ich kenne den Mann nicht. Handelt sich wohl um ein ziemliches Greenhorn im deutschen Fußball, der noch keine Spuren hinterlassen hat. Umso mehr ist das für den Lehrlinger natürlich ein Sammer. Äh, Jammer. Dreimal Platz zwei, dafür gäbe es anderswo (etwa unten am Rhein) kostenlose Arzneiprodukte auf Lebenszeit. Blöd nur, dass ein Buchstabe hierbei einen mittelgroßen Unterschied ausmacht. Bayer ist eben nicht Bayern. Und in München erhält man für derartige Heldentaten halt primär eines: Seine Papiere. Die Bayern-Bosse sind da konsequent. Für ihre zukunftsweisende Personalrochade darf man sie folglich beglückwünschen. Denn das war zweifellos ein mutiger Schachzug. Oder alternativ formuliert: Großes Tennis.
Autor: JM90

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