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24.06.2012 Marktl

w-reporter

Schauen mit Frauen


Meine Sicht der Dinge: Der Sportblog von Johannes Mittermeier

Ich muss dringend meine Erfahrungen und Erlebnisse des vergangenen Deutschland-Spiels an die Nachwelt weitergeben. Der Schreck sitzt mir bis heute in den Gliedern. Anstelle der gewohnt-traditionell-harmonischen Fußball-Runde mit den männlichen „B“s und dem weiblichen „eingetragenen Verein“ (EV) - die Älteren dürften sich an den Madrid-Nervenkrimi in eben jener Gesellschaft erinnern - wollte ich meinen Anteil zum germanischen Gelingen bei der EM beitragen. Also wählte ich als Location etwas gänzlich Anderes aus: Dachterrasse für Berufsoptimisten - kurz: DFB. Es sollte ja nichts dem Zufall überlassen werden. Und gerade gegen die unberechenbaren Griechen sah ich mich genötigt, sämtliche Register zu ziehen.


Rekapitulieren wir die Geschehnisse in Echtzeit:


Der Freisitz zeichnet sich durch drei Merkmale aus. Er ist lang, schmal und unüberdacht. Ich nenne ihn deshalb liebevoll das „Modell Carsten Jancker“. Der Abend verspricht Spannung, Unterhaltung und neue Bekanntschaften. Entsprechend die Vorfreude. Um halb neun machen sich erste leichte Zweifel breit. Eine Viertelstunde vor Spielbeginn umgeben mich drei desinteressierte Jura-Studenten und viel, viel Raucherqualm. Die angekündigte Leinwand, der dazugehörige Beamer und die erwartete große Runde ist - sagen wir mal - bisher eher zu erahnen. Das ändert sich. Pünktlich, als die Kameraführung bei der deutschen Hymne einen abrupten Sinkflug hinlegt, um auch das Konterfei des Kapitäns in Millionen Wohnzimmer (und unsere Dachterrasse) zu transportieren, sind wir komplett ausgestattet.


Ich habe mir einen Platz in der ersten Reihe gesichert. Neben den drei Jura-Studenten, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sich ein bisschen unwohl fühlen. Hinter uns drängt und quetscht sich die Meute. Besonders erfreut bin ich vom Ansturm des sich quantitativ klar in der Überzahl befindlichen weiblichen Teils. Es klingt jetzt wahrscheinlich unmöglich, aber im Grunde lassen sich alle über einen Kamm scheren: Schwarz-rot-goldene Wangenbemalung, schwarz-rot-goldene Kettchen, schwarz-rot-goldene Umhängegirlanden, irgendein weißes Stück Stoff mit Bundesadler drauf, und gaaanz kurze Röckchen. In diesem Moment bereue ich meine Sitzplatzwahl. Denn notgedrungen kann ich ohne Verrenkungen des Halses nur Augen für eines haben - das Spiel. Aber gut, man muss Prioritäten setzen. Es kann losgehen.


Ich klatsche in die Hände, der Rest klimpert mit den Bierflaschen. Von Anfang an entwickelt sich ein Lauf auf‘s griechische Tor. Ich kneife die Lippen zusammen, als Schweinsteiger ständig fehlpasst, ich ärgere mich, als Reus verzieht, ich wüte, als Özil freistehend eine bessere Rückgabe fabriziert. Die feminine Seite hält sich in diesem Genre tendenziell zurück, klimpert weiterhin mit Bierflaschen und lacht viel. Wohingegen die drei Jura-Studenten... nun ja... den Ausführungen des Kommentators bedächtig lauschen.


Zunächst sind sie harmlos, die verbalen Einwürfe aus dem Plenum. Man sieht Angela Merkel, die freudig-aufgeregt auf einen graumelierten Herrn neben ihr einredet, der davon so gar nicht begeistert zu sein scheint. Verschränkte Arme, hochgezogenen Augenbrauen, genervter Gesichtsausdruck. „Wer ist denn dieser Grieche?“, hallt es da aus einer Frauenkehle. Dass es sich in Wirklichkeit um Wolfgang Niersbach und damit den DFB-Präsidenten handelt - geschenkt.


Nach etwa 20 Minuten schnappe ich - zufällig - Wortfetzen aus dem Hintergrund auf. Es geht um Fingernägel und deren Instandhaltung. Meine journalistische Sorgfaltspflicht erfülle ich natürlich. Rasch geschielt, aber der portugiesische Beau mit dem Hang zur Selbstinszenierung ist nicht zugegen. Das überrascht. Kurz darauf entnehme ich den intensiven Diskussionen - was bei der Lautstärke des Geklimpers eine Herausforderung für die Gehörgänge darstellt - angeregte Unterhaltungen über Nylon-Strumpfhosen. Doch plötzlich entdecken sie, dass parallel auch ein Fußballspiel läuft. Geschulter Blick, selbstbestätigendes Nicken und dann die Frage aller Fragen: „Warum spielt denn der Ballack nicht mit?“ Tja, warum eigentlich. Wenig später verfehlt Schürrle mit einem satten Schuss knapp das Gehäuse, ist anschließend groß eingeblendet. Da kommt wie aus einem Nirvana der Sehnsuchts-Anfall: „Ooooch, der Poldi ist ja sooo süüüüüüß!!“ In der Tat.


Als Lahm trifft, springe ich wie vom Katapult geschossen empor, beide Arme gen Himmel, die Hände zu Fäusten geballt, weit aufgerissener Mund, lautes Gebrülle, wie in Ekstase, Emotionen im Rausch der Sinne, drehe mich zur Seite und vernehme - Stille.


Stille, Belanglosigkeit und mit viel Wohlwollen ein paar zaghafte Klatscher. Dafür haufenweise verdutzte Mimik, gebündelt auf den Hampelmann in der ersten Reihe gerichtet. Einigkeit besteht allein in der Bewertung des Kanzlerin-Jubels. Ihr patschiges die-Hände-zusammenhauen und das ulkige Grinsen sorgen allgemein für Erheiterung. Ansonsten habe ich mehr den Eindruck, die Deutschland-Trikot-Gemeinde in meinem Rücken erfreut sich vor allem deswegen am Führungstreffer, weil es nun endlich wieder einen Anlass zum gemeinsamen Anstoßen gibt. Na denn - Prost.


So oder so ähnlich geht es bis zum Schluss. Mich reißt es nach wie vor bei jedem deutschen Tor aus dem Sessel und ebenso nachhaltig bleibe ich mit dieser völlig untypischen Verhaltensweise der Einzige. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem ich mich der Masse anpassen will. Meine Zielscheibe heißt Scherohm. Scherohm Boateng. „Da flankt ja die Tschina-Lisa besser!“, entfährt es mir.


Okay, das war erfunden. Wäre ich nicht so nett, hätte ich jedoch längst zu dieser in Worten verpackten Blutgrätsche angesetzt. Spätestens, als gefühlt die Hälfte Kloses Kopfall zum entscheidenden 3:1 verpasst, weil sie sich beim Frisch-machen befindet, gebe ich auf. Die Mär von den Mode-Fans - ich fühle mich in allen Punkten bestätigt.


Lustig wird es noch einmal in der letzten Minute. Strafstoß für Griechenland. Bis die Kunde zum weiblichen Expertenkreis vorgedrungen ist, dauert es eine Weile. Aber dann - Nervosität, Aufregung, Zittern. „Sind wir jetzt ausgeschieden?“, will jemand wissen. Ich spiele den Betroffenen. Ja, das wird es wohl gewesen sein mit dem Turnier. Kleiner Scherz, er sei mir verziehen. Schon allein, um die gekünstelte Betroffenheit mitansehen zu dürfen, ist es das wert. Die enthusiastischen Jura-Studenten schauen übrigens seit 20:45 Uhr regungslos geradeaus. Doch das nur nebenbei.


Ich freue mich jetzt auf zwei Dinge. Erstens, beim Halbfinale wieder in vertrauter Umgebung zu verkehren. Und zweitens auf den Bundesliga-Start im August. Hoffenheim gegen Mainz. Düsseldorf gegen Augsburg. Fürth gegen Freiburg.


Das wird schön.





Autor: JM90

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