08.09.2015 Burghausen

BR-Dreharbeiten im "Glaspunkt"

Sigi Franz bricht „gläserne“ Lanze fürs Handwerk

Sigi Franz
Foto: Parchatka
Beitrag für Sendung „Heimatrauschen“ im BR: Es geht um viel – Bayern, Tradition, Glas und Handwerk ...

Während die meisten kaum einen zusammenhängenden Satz formulieren können, wenn man ihnen ein Mikrofon vors Gesicht hält, ist Sigi Franz so richtig in seinem Element: Ein buntes Tuch in Piratenmanier ums Haupt geschlungen, hantiert der Glasbläser geschickt am Bunsenbrenner und bedenkt die um ihn versammelten Glasbläser-Azubis mit flotten Sprüchen und Experten-Tipps – gerade so, als ob das Drehteam des Bayerischen Fernsehens gar nicht da wäre.


Seinen Berufskollegen in spe stehen Begeisterung und Bewunderung ins Gesicht geschrieben, während sie die Entstehung des gläsernen blauen „Heimatrauschen“-Hirsches verfolgen – und vielleicht auch ein wenig Zweifel, ob sie es selbst zu solcher Kunstfertigkeit bringen werden. Aber der Sigi Franz versprüht Optimismus: „Geht einfach mal auf eine Pferdekoppel, setzt Euch hin und beobachtet die Bewegung der Pferde. Dann wird Euch ganz klar, wie so ein Schenkel geformt sein muss, um die Bewegungen ausführen zu können.“


Die Begeisterung für seinen Handwerksberuf ist für den Inhaber des renommierten „Glaspunktes“ in den Burghauser Grüben schon immer eine Antriebsfeder, um junge Leute für dieses alte Handwerk zu gewinnen. Sigi Franz hat selbst an der Glasfachschule Zwiesel unterrichtet und veranstaltet immer wieder Workshops, in denen Interessierte die Vielseitigkeit des Werkstoffes Glas kennenlernen können.


In zwei Jahren beginnt neue Glaspunkt-Ära


In seiner „Glaspunkt“-Werkstatt haben so auch drei junge Männer ihre Berufung entdeckt: Franz´ Sohn Christopher Franz und Andreas Staudinger absolvieren derzeit ihre Ausbildung zum Glasbläser, während Alexander Magiera diese bereits abgeschlossen hat und fest im „Glaspunkt“ mitarbeitet. „Für diese Drei habe ich diesen Betrieb hier aufgebaut und in zwei Jahren werden sie ihn von mir übergeben bekommen – gratis, komplett und schuldenfrei“, strahlt der Fünfzigjährige, der seine Rolle dann in der des Tutors sieht: „Schon als ich noch Lehrer an der Glasfachschule Zwiesel war habe ich erkannt, dass die drei Jahre Lehrzeit für den Glasbläserberuf nicht ausreichen. Da bekommt man zwar die Basics, aber alles andere, vor allem das richtige Gefühl für den Werkstoff Glas, dafür braucht´s schon sieben Jahre“, so Sigi Franz.


Dieser Erfahrung entspricht auch das Konzept des künftigen „Glaspunktes“: „Zum einen gilt für Christopher, Alexander und Andreas learning by doing, wobei ich sie voll unterstützen werde. Die Drei ergänzen sich perfekt: Chris ist der Mann der Zahlen, Alex der ruhige, zielstrebige Arbeiter und Andy füllt den künstlerischen Part“, schildert Sigi Franz die Zukunft seines Betriebes. Aber seine Pläne gehen noch darüber hinaus: „Die Bildung soll noch stärker integriert werden, indem der Betrieb dem Dualen System angegliedert wird und stiftungsähnlich enger mit den Fachschulen kooperiert. Dafür gibt es sogar europäische Förderprogramme, und die wollen wir nutzen.“
Die Sorge darum, dass sein Handwerk und das Handwerk überhaupt für den Nachwuchs in den vergangenen Jahrzehnten stark an Attraktivität eingebüßt hat, treibt den Glasbläser um: „Dieser Akademisierungswahn ist der größte Blödsinn. Alle Eltern wollen nur noch, dass der Nachwuchs studiert, weil er sonst angeblich keine guten Zukunftsperspektiven hätte“, wettert der Sigi und bricht fürs Handwerk nicht nur eine „gläserne“ Lanze: „Was die Geisteswissenschaft ohne Handwerk wäre, zeigt dieses Beispiel: Das Fraunhofer-Institut benötigt für seine Stammzellenforschung spezielle Glasapparate, aber weder in Deutschland noch in Frankreich konnten sie einen Betrieb ausfindig machen, der diesen Auftrag ausführen konnte – bis sie bei mir landeten.“


Nicht jeder, der ein Studium anstrebt, ist diesem auch gewachsen: „Es gibt so viele Abbrecher, die dann Taxi fahren oder an der Supermarktkasse sitzen. Und viele können den Druck im Studium nur noch mittels Doping aushalten.“ Das Handwerk dagegen sei ehrlich und befriedigend: „Da kannst Du Dich nicht hinter einem Doktortitel verbergen: Wenn Du Dein Produkt auf den Tisch stellst, dann kann jeder beurteilen, ob Du was drauf hast oder nicht“, so der Glasbläser, der seine Meinung gern in der Öffentlichkeit vertritt.


Dem Handwerk muss der Rücken gestärkt werden


Er meint, dem Handwerk müsse wieder der Rücken gestärkt werden: „Das geht doch schon bei der Bezahlung los: Beim Handwerker versucht jeder zu feilschen. Bei Notaren, Rechtsanwälten u.a. gelten feste Sätze, da wird nicht diskutiert.“
Motivation also genug für Sigi Franz, der Anfrage des Bayerischen Fernsehens für die Sendung „Heimatrauschen“ spontan zuzusagen: „Glas und Bayern, das gehört einfach zusammen. Da muss man was tun.“ Einen ganzen Tag lang haben Sigi Franz, seine drei Nachfolger und der Leiter der Glasfachschule Zwiesel, Hans Wudy, mit dem Drehteam um Redakteurin Alexandra Schleicher verbracht, um in der Glaspunkt-Werkstatt und in der Altstadt den Beitrag für „Heimatrauschen“ aufzuzeichnen. Sieben bis acht Minuten wird dieser dauern, was durchaus beachtlich ist.


Für „TV-Profi“ Franz war der Drehtag durchaus bekanntes Metier: „Ich bin da so in einen Pool hineingeraten, aus dem sich Redakteure immer wieder mal bedienen“, grinst er. Aber auch seine Jungs haben schnell die Kamerascheu abgelegt und lebendig ihren Traumberuf dargestellt.


Gesendet wird der Beitrag am Freitag, 18. September, um 19.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen. Und dieser Termin hat für Sigi Franz persönlich eine ganz besondere Bedeutung: „Vor genau sieben Jahren, zu dieser Zeit, ist unser Sohn Alexander tödlich verunglückt.“

Autor: pa

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