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16.10.2012
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Die Bravo


Danke Bravo, dass Du mir den ersten nackten Busen gezeigt hast

Irgendwann Anfang der 70er Jahre hat sich der Hansi bei uns Buben unsterblich gemacht. Er hat uns die Tore aufgestoßen in eine aufregende Welt, von deren Existenz wir bis dahin so gut wie nichts wussten.


Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als er mit hochrotem Kopf bei unserem Treffpunkt am Kanalbankerl erschien, das Bonanza-Radl achtlos in die Wiese warf und triumphierend aus seinem Hosenbund eine Zeitschrift zog: Die Bravo.
Wer hätte dem Hansi einen Vorwurf machen wollen, hat doch sein älterer Bruder das Heft in seinem Nachtkastl aufbewahrt, ohne dieses abzusperren.



Wir hatten uns bisher eigentlich keine Gedanken darüber gemacht, wie Mädchen untenherum ausschauen könnten.
Bis zu dem Tag, als sich der Michi beim Wirt auf die Damentoilette verirrt hatte, ahnten wir nicht einmal, dass es überhaupt einen Unterschied gibt. Aus den Schilderungen des Michi, denen zufolge im Damenklo kein einziges Pissoire hing, kombinierten wir, dass Mädchen nicht im Stehen pinkeln können. Blöd waren wir nämlich nicht. Allerdings warf einer von uns die Frage auf, wie das wohl bei den Italienern sei? Vom Gardaseeurlaub her wusste derjenige, dass dort Männer und Frauen das gleiche Klo benutzten – und zwar stehend.


Wir begnügten uns mit der Erklärung, dass in Italien sowieso alles anders sei, sogar das Geld.
 

An diesem Tag habe ich in der Bravo meinen ersten nackten Busen gesehen. Den Speckbusen von Franz, der unser Klassenmoppel war, nicht mitgerechnet. Aber der zählt ja nicht.



Interessiert hockten wir im Kreis um die Bravo herum und betrachteten mit großen Augen die Abbildung der nackten jungen Frau auf der Aufklärungsseite. Der Hansi konnte überhaupt nicht begreifen, wie man so überhaupt „bisln” könne – selbst im Sitzen.
Ich weiß nicht mehr wer von uns auf die Idee kam, dass es wohl etwas bedeuten müsse, dass bei uns Buben unten etwas hängt und die Mädchen dort einen Schlitz haben. Wir mutmaßten, ob es da nicht irgendeinen Zusammenhang gäbe?
 

Bis zur abschließenden Klärung dieser Frage, sollten noch einige Jahre ins Land ziehen. Seit der Bravo sahen wir die Mädchen jedoch mit anderen Augen. Bis dahin fanden wir sie alle doof, mit Ausnahme von Martina. Die hatte nämlich für 20 Pfennige einen Regenwurm verschluckt (allerdings ohne zu kauen, das war ihre Bedingung).
 

Aber jetzt waren alle Mädchen für uns hochinteressant. Wir boten Martina 20 Pfennige an, wenn sie jeden von uns über dem Kleid einmal an ihren (nicht vorhandenen) Busen fassen ließe, aber das lehnte sie ab – was wir überhaupt nicht verstanden. Wir fanden den Regenwurm eigentlich schlimmer. Und schon damals dämmerte uns, dass Frauen irgendwie schwer zu verstehen sind ...
 

P.S.: Mit der Aufklärung war es in den 70ern nicht weit her. In der Schule war das noch kein Thema und daheim wurde darüber auch nicht groß gesprochen. Von einer Bekannten habe ich erfahren, dass deren Mutter sogar die Aufklärungsseite der Bravo jede Woche rundherum feinsäuberlich zugetackert hatte. Was für ein Glück, dass die Menschheit nicht ausgestorben ist ...


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Autor: Mike Schmitzer