wahlen
12.10.2012
Artikel versenden Artikel drucken Leserbrief schreiben

Der verflixte Lachanfall


Lachen ist nur dann lustig, wenn es in der passenden Situation geschieht

Ich möchte mich heute mit einem ernsten Thema beschäftigen: dem Lachen.
„Wieso ernst?”, werden Sie sich vielleicht fragen.
Nun, das Lachen ist nur dann lustig, wenn es in der passenden Situation geschieht. Leider kann der Lachende sich dies nicht immer aussuchen.

 

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Vorfall in meiner Kindheit. Es geschah beim sonntäglichen Gottesdienst, den ich sporadisch besuchte. Offiziell war ich ja ausnahmslos jeden Sonntag in der Kirche, wie ich meine Eltern glauben ließ. Tatsächlich verbrachte ich die Dreiviertelstunde aber meistens auf dem Spielplatz oder lesenderweise auf einem Bankerl. Vielleicht war das, was in diesem Gottesdienst passierte, die Strafe für meinen Frevel.

 

Jedenfalls hatten wir diesen eifrigen Ministranten, der ganz versessen darauf war seine Schellen zu läuten. Er war immer der erste, der zu den Schellen griff und er betätigte das Instrument lauter und länger als seine Kameraden. Der Pfarrer quittierte diesen besonderen Einsatz mit dem tadelnden Zucken einer Augenbraue in Richtung des Buben, zeigte aber ansonsten keine Regung. Ich hingegen fühlte mich von dem Ministranten derart belustigt, dass ich ungewollt lauthals loslachen musste. Ich erntete böse Blicke von den Erwachsenen links und rechts in meiner Bankreihe und einige schüttelten den Kopf.

 

Ich schwöre es, ich wollte wirklich nicht mehr lachen aber ich brauchte den Ministranten nur ansehen, wie er mit verzücktem Gesichtsausdruck neben seiner Schelle kniete, und schon ging es wieder los.

 

Während die Kirchenbesucher andächtig der Predigt des Pfarrers lauschten, kämpfte ich innerlich gegen meinen Lachreiz. Zwei- dreimal konnte ich einen Lacher unterdrücken, so dass nur ein leises Prusten zu hören war. Ich war verzweifelt, hielt mir die Nase zu, versuchte an etwas anderes zudenken, doch es half alles nichts. Das Grauen kündigte sich mit einem lauten Prusten an und ging dann in ein hysterisches helles Lachen über, das bis zum Altar brandete. Unser Pfarrer unterbrach seine Predigt mit den tadelnden Worten, dass scheinbar manche Gottesdienstbesucher den nötigen Ernst vermissen ließen und funkelte mich dabei an.

 

Wie ein geprügelter Hund, mit eingezogenem Kopf aber immer noch prustend, verließ ich eiligen Schrittes das Gotteshaus, begleitet von den entrüsteten Blicken der erwachsenen Kirchenbesucher. Immerhin: Einer meiner Spezi zeigte mir im Vorbeigehen verstohlen das „Daumen-hoch-Zeichen” und schmunzelte.

 

Mein letzter Blick fiel auf den Schellen-Ministrant, der mich ansah, als wäre ihm eben der Leibhaftige erschienen.
Solche Situationen habe ich in meinem Leben leider immer wieder erlebt. In der Schule, bei Veranstaltungen, ja sogar bei einer Beerdigung.

 

Vor einigen Jahren saß ich als Berichterstatter im Gerichtssaal des Altöttinger Amtsgerichts.
Passiert war folgendes: Ein Mann ist durchs Fenster in die Wohnung einer Fremden eingestiegen und hat ihr, während sie schlief, eine Intimrasur verpasst. Halten Sie mich bitte nicht für unsensibel, ich kann mir gut vorstellen, dass das für eine Frau eine Horrorvorstellung ist, aber ich habe nicht einmal die komplette Verlesung der Anklageschrift durchgehalten ...

 

Der letzte Lachanfall ist noch garnicht so lange her. Meine Frau ist beim Taubenfüttern auf den Treppen zur Blauen Moschee in Istanbul auf der Vogelscheiße ausgerutscht und unsanft auf ihrem Hinterteil gelandet. Man hätte jetzt wahrscheinlich von mir erwartet, dass ich ihr mein Bedauern ausdrücke, stattdessen musste ich losprusten und konnte mich garnicht mehr beruhigen.

 

Hätte ich doch in meiner Kindheit nur nicht so oft die Kirche geschwänzt...

 

facebook: mike schmitzer
eMail: mike.schmitzer@wochenblatt.de

Autor: Mike Schmitzer