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02.10.2012
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Der Bayer in der restlichen Welt


Wir Bayern sind die Wolpertinger des deutschsprachigen Raums

Es ist mir wirklich ein Bedürfnis, den Botschaftern der bayerischen Lebensart zu danken. Den Menschen, die für das Image der Bayern im Rest der Welt gesorgt haben.
Danke Stefan Mross, Florian Silbereisen und Konsorten.


Mein herzlicher Dank gilt den unzähligen drittklassigen Volksmusikkapellen und Folkloregruppen, die sich im Ausland durchschmarotzen und den Amerikanern, Neuseeländern und Australiern weismachen, dass das, was sie da vorführen, die bayerische Lebensart sei. Das Ganze nennt sich dann übrigens kultureller Austausch ...

Wer könnte es den Ausländern und Preußen verdenken, dass sie ein skurriles Bild von uns Bayern haben?
Der Preuße weiß zumindest, dass Bayern wahrscheinlich in Deutschland liegt, möglicherweise aber auch in Österreich. Zumindest aber in der Nähe des Chiemsee.


Der Amerikaner hingegen ist völlig ahnungslos. Für ihn sind die Bayern gleichzusetzen mit den Österreichern, den Schweizern und den Schwarzwäldern.
Der Bayer trägt quasi rund um die Uhr Lederhosen, ernährt sich in der Hauptsache von Sauerkraut und Knödel, hört am liebsten Blasmusik und lebt von der Herstellung von Kuckucksuhren. Und während sich ein Amerikaner bei facebook mit einem Mädchen verabredet, stellt der Bayer in der Nacht eine Leiter vor das Fenster der Angebeteten und jodelt ihr seine Liebe. Natürlich nicht, ohne sein Ständchen vorher durch Schuhplatteln anzukündigen.


In Disney World in Orlando (Florida) bin ich vor einigen Jahren mit einem Amerikaner ins Gespräch gekommen. Er dachte, ich hätte meine Lederhose nur deshalb nicht angezogen, weil ich nicht gleich als Ausländer auffallen wollte. Dabei ist es in amerikanischen Vergnügungsparks völlig unmöglich, nicht als Ausländer aufzufallen, denn Amerikaner drängeln sich nicht vor, machen keinen Stunk und trinken klaglos die total verchlorte Cola aus Pappbechern.

 

Nach dem ersten Kulturschock darüber, dass es scheinbar auch Bayern gibt, die keine Lederhose besitzen und weder Schuhplatteln können, noch Blasmusik lieben – ja nicht einmal als Uhrenmacher tätig sind – versuchte der Amerikaner mit seinen Kenntnissen aus meiner Heimat zu glänzen:
„Hofbrauhouse, Oktouberfest, a Biaaa, Krussefix.”


Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Der Bayer ist für den Rest der Welt so etwas wie der Wolpertinger des deutschsprachigen Raums.

„Oh ein Bayer”, flötet die ältere Dame in gepflegtem Hochdeutsch von der gegenüberliegenden Seite der Strandbar.
Verflixt, hätte ich doch nur beim Bestellen besser auf meinen Dialekt aufgepasst. Sie drängelt sich neben mich, im Schlepptau eine Freundin.


„Hören Sie mal, junger Mann, wir finden die bayerische Sprache so schön. Sagen Sie doch bitte mal was in Bayerisch für uns.”

Die beiden starren mich mit gespitzten Lippen erwartungsvoll an – wie einen dressierten Zirkusaffen.

Soll ich jetzt wirklich die Nummer mit dem „Oachkatzlschwoaf” abziehen?

„Tut mir leid, ich muss dringend weg”, antworte ich in meinem besten Hochdeutsch und flüchte.



Neulich habe ich mit einer Mitarbeiterin eines Berliner Versandhauses telefoniert. Sie war ganz entzückt darüber, dass ich aus Bayern komme. Woher ich genau anrufe, wollte sie wissen.


Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit Ortsangaben wie Altötting oder Burghausen sage ich jetzt immer gleich: „Ich bin aus Salzburg.”


„Oh wirklich, wie wunderschön. Wie ist denn das Wetter bei Ihnen?”


Das ist auch so eine Besonderheit. Kein Frankfurter wird einen Berliner fragen wie das Wetter dort ist. Aber von uns Bayern will jeder wissen, ob vielleicht gerade die Sonne scheint.


Die nette Dame erklärt mir, dass sie mit dem bayerischen Dialekt irgendwie Urlaub verbinde und der Tag für sie jetzt gerettet wäre.
Das versöhnt mich für einen Moment. Vielleicht ist unser Ruf im Rest der Welt ja auch noch zu retten?

Der Hoffnungsschimmer hält jedoch nicht lange:

„Haben Sie schon Internet in Salzburg oder wollen Sie die Bestellbestätigung per Post?”


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Autor: Mike Schmitzer