25.09.2012 Verrückte Welt


Der blanke Horror






Wer das Grauen im eigenen Haus erlebt, der braucht keine Horrorfilme ...

Es gab Zeiten, da besaß meine Tochter so viele Plüschtiere, dass diese aufeinandergestapelt bis zum Mond gereicht hätten ... auf jeden Fall aber bis zur Garchinger Kirchturmspitze. Jetzt liegen sie in mehrere Säcke verpackt auf dem Dachboden.


Später traten die Pokémon in ihr Leben. Sie sammelte völlig überteuerte Plastikfiguren, die Papa als Liebesbeweis mitbringen durfte, und schaute stundenlang diese stupiden Zeichentrickfilme im Fernsehen in denen die Pokémon nichts anderes sagen konnten als ihren eigenen Namen:
„Woingenau, Woingenau, Woingenau.”

Damals dachte ich, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Es konnte! Jetzt ist meine Tochter fast 15 und hat den Horrorfilm für sich entdeckt.


Mussten wir bisher beim Einkaufsbummel die miefigen T-Shirt-Printläden nach Pokémon-Bügelmotiven durchstöbern, so muss Papa jetzt den gepiercten und unmotivierten Verkäufer mit der Frage nach „Jason-Motiven” von der Lektüre seines Batman-Comics abhalten.
„Da hinten hängt doch eines. Nein! Nicht das mit dem abgetrennten Kopf! Das daneben. Der Typ mit der Hockeymaske und der Machete.”

Ein schwarzes T-Shirt mit einem psychopathischen Serienmörder ist nicht exakt das, was sich Väter für ihre Teenagertöchter wünschen. Meine verzweifelten Versuche, dem Töchterlein ein farbenfrohes Sommerkleid statt des Mörder-T-Shirts schmackhaft zu machen, brachten mir nur mitleidige Blicke ein.
„Du hast ja keine Ahnung was cool ist, Papa.

Cool ist, wie ich in den letzten Wochen erfahren habe, eine Wackelfigur von Serienkiller Jason auf dem Fensterbrett stehen zu haben.


Cool ist, ein beängstendes Filmplakat des Horrorstreifens „Freitag der 13.” (aus dem „Jason” entsprungen ist) an der Wand kleben zu haben.


Am coolsten ist es aber, heimlich zusammen mit einer Freundin Horrorfilme anzusehen. Kommen die uncoolen Eltern aufgrund einer Indiskretion dahinter, dann heißt es nur:
„Die anderen Eltern stellen sich aber nicht so an. Außerdem sind die Filme garnicht schlimm.”

Was soll bitte daran auch schlimm sein, wenn Teenager im Feriencamp nacheinander abgemurkst werden. Wenn Hälse durchschnitten, Herzen durchbohrt und Gliedmaßen abgetrennt werden? Das Ganze natürlich in nervenzerfetzender Art und Weise, so dass man als Zuschauer ständig darauf wartet, dass etwas passiert, der Mörder aber erst zuschlägt, wenn man gerade nicht damit rechnet.

Ich glaube, diese ganze Horrorshow gehört zum Erwachsenwerden dazu. Es ist so etwas wie eine Mutprobe. Mit 16 habe ich mir auch im Kino „Freitag der 13.” angeschaut um im Freundeskreis angeben zu können, dass der ja garnicht so schlimm sei. Tatsächlich wollte ich die Tage danach nicht einmal im Dunkeln aufs Klo gehen ...

Ich habe mal gelesen, dass die Adrenalinausschüttung beim Betrachten eines Horrorstreifens bei gewissen Menschen Glücksgefühle auslöst. Bei mir hat Adrenalin nicht diese positive Wirkung, wie ich erst vorgestern wieder feststellen musste:

Es ist halbzwölf und ich bin auf dem Weg ins Bett. Ich vergewissere mich eben noch, dass die beiden Kinder fest schlafen und schließe ihre Zimmertüren.


Im Bad streife ich meinen Pulli über den Kopf und für diesen kurzen Moment bekomme ich von der Umgebung nichts mit. Als ich wieder etwas sehe, schwebt nur wenige Zentimeter vor meiner Nase ein bleiches, von dunklen Haaren umrahmtes Gesicht. Völlig lautlos hatte sich die Person geistgleich genähert während ich den Pulli über dem Kopf hatte.


Mein spitzer Schrei schallt so laut durch das ganze Haus, dass meine Frau im Wohnzimmer erschrocken von der Couch hochspringt.


Der Schrei reißt auch meine Tochter, die das WC aufsuchen wollte, aus ihrem Halbschlaf. Erst sieht sie mich verdutzt an, kreidebleich wie ich bin, und dann beginnt sie lauthals zu lachen und kann sich garnicht mehr beruhigen.

Wer braucht da noch Horrorfilme?    

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Autor: Mike Schmitzer
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