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20.09.2012
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Von Kriechern und Rasern


Warum fahren eigentlich alle anderen entweder zu langsam oder zu schnell?

Ein unerklärliches Phänomen beim Autofahren ist, dass man selbst immer in der genau richtigen Geschwindigkeit unterwegs ist, während die anderen entweder Kriecher oder Raser sind. Oder Vollidioten.


Ja ich gebe es zu: Obwohl ich sonst ein recht höflicher Mensch bin, verwandle ich mich am Steuer in ein aggressives Etwas.


„Mein Gott, warum kriecht denn der da vorn mit 50 auf der Landstraße dahin?”, meckere ich.


Der Fahrer trägt einen Hut und hat eine Klopapierrolle mit Häkelabdeckung in der Heckablage.


„Wegen solchen Typen passieren so viele Unfälle”, regt sich jetzt auch mein Beifahrer auf. „Die blockieren den Verkehr und provozieren riskante Überholmanöver.”


„Genau” grunze ich und schüttle demonstrativ den Kopf in der Hoffnung, der vorausfahrende elende Kriecher könnte dies im Rückspiegel wahrnehmen.



Sobald ich ein Auto besteige, habe ich es automatisch eilig. Natürlich könnte man dagegenhalten, dass es egal ist, ob ich fünf Minuten früher oder später auf die Wohnzimmercouch sinke. Doch darum geht es beim Autofahren nicht. Es geht darum, dass sich die anderen Autofahrer gefälligst auch an die allgemeinen Temporegeln zu halten haben. Die Temporegeln sind übrigens nicht immer gleichzusetzen mit den Geschwindigkeitsbeschränkungen. Der Autofahrer selbst hat ein viel besseres Gefühl dafür, wie schnell er wo fahren kann. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn er Post von den „Wegelagerern” bekommt, obwohl es an der Blitzerstelle wirklich keinen Grund für Tempo 60 gab.


Nein, als Autofahrer lässt man sich von niemandem ausbremsen. Genausowenig will man sich aber scheuchen lassen – so wie neulich auf der Autobahn. Die linke Fahrspur ist dicht, ein Auto nach dem anderen „kriecht” mit 100 dahin. Auf der rechten Spur in Abständen Laster und Wohnmobile. Hinter mir taucht ein schwerer BMW auf, der, wie ich im Rückspiegel verfolgt habe, schon mehrere Autos mit Lichthupe dazu genötigt hat, auf die rechte Spur zu wechseln.


„Das kannst Du vergessen”, murmle ich. Erst betätigt der BMW-Fahrer einige Male die Lichthupe aber das lässt mich kalt. Das merkt auch der Drängler und er verringert den Abstand immer mehr bis er gefährlich nahe ist, um sich dann wieder zurückfallen zu lassen und das Spiel von vorne zu beginnen.


In diesem Moment gibt es nur noch den Agressor und mich. Ich spüre das Adenalin.
„So ein Vollidiot” schimpfe ich, denke aber im Traum nicht daran, mich von ihm auf die andere Spur drängeln zu lassen.
Dann lässt sich der BMW-Fahrer zurückfallen, beschleunigt plötzlich und schiebt die Schnauze seines Autos links neben mein Heck wobei er aufs Bankett gerät und fast in die Leitplanke knallt. Um einen Zusammenstoß zu vermeiden muss ich das Lenkrad herumreißen und auf die rechte Spur ausweichen. Mit einem Affenzahn zieht der BMW an mir vorbei, gleichzeitig schon die Lichthupe betätigend um das nächste Auto aus der Spur zu drängeln.


Gerade jetzt wünsche ich mir meinen alten Ford zurück, mit seinen Fensterkurbeln. So muss ich warten bis der elektrische Fensterheber gemächlich einen Spalt geöffnet hat, durch den ich meine Hand hinausstrecken und das internationale Zeichen für Sie-wissen-schon-was machen kann.


Im richtigen Leben würde ich sowas nie tun, aber im Auto liegt die Hemmschwelle einfach niedriger. Und wissen Sie was: Es hat richtig gutgetan.    

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Autor: Mike Schmitzer