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08.08.2012
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Ein magischer Moment


Manchmal gräbt man Kindheitserinnerungen aus wie einen Schatz

Kennen Sie das? Man geht oder fährt hunderte Male an einem Ort vorbei, aber beim hundertundeinsten Mal ist etwas anders. Ein Geräusch, ein Geruch oder die Sommersonne, die alles in ein warmes Licht taucht – vielleicht auch die Menschenleere am frühen Morgen – und schlagartig werden längst vergessen geglaubte Erinnerungen wach.


An meinem Seitenfenster zieht gerade der „Giglberger” vorbei, ein kleiner Schreibwarenladen den es schon seit meiner Kindheit gibt, als ich mich plötzlich als kleiner Knirps vor dem Schaufenster stehen sehe. Mir kommt es in diesem Moment vor, als sei es erst gestern gewesen. Jeden Tag auf meinem Schulweg habe ich mehrere Minuten vor dem Schaufenster vertrödelt. Mehr als einmal hat der Nikolaus mich deswegen getadelt. Die Sachen in der Auslage waren aber zu verlockend. Die Wundertüten beispielsweise, gefüllt mit bunten Plastikfiguren zum Sandspielen und mit Sammelbildern – alles Sachen, die ein kleiner Bub damals toll fand.

Mein absoluter Favorit war aber das „Yps”-Heftchen. Immer wenn ich am Montag mein Taschengeld bekommen habe (drei Mark) bin ich schnurstracks zum Giglberger gelaufen und habe mir das neue Yps gekauft. Das Heftchen hatte eine Plastikhülle und es war immer irgendein tolles Spielzeug enthalten. Zum Beispiel ein Plastikgreifarm zum Zusammenbauen, oder ein Detektiv-Periskop mit dem man um die Ecke schauen konnte. Der absolute Wahnsinn war ein Tütchen mit Pulver, das in Wasser aufgelöst kleine Urzeitkrebse hat entstehen lassen.

Vom Giglberger führten mich meine Schritte sodann zum „Wörösch”, einem kleinen Tante-Emma-Laden, den es leider schon lange nicht mehr gibt. Dort habe ich mir für die restlichen fünfzig Pfennige Süßigkeiten gekauft: Kleine Plastikkelche mit Schokolade gefüllt, die man mit einem Löffelchen auskratzte, bunte Kreisellutscher mit einem Stil in Form eines Cowboys, eine Kette aus pastellfarbenen Traubenzuckerscheiben oder einen „Brauner Bär” aus der Eis­truhe. Der kostete 50 Pfennige, damals, Anfang der 1970er Jahre.


Der tadelnde Spruch meiner Mutter war übrigens immer: „Dir brennt das Geld förmlich in der Hand. Das Taschengeld ist eigentlich für die ganze Woche gedacht ... ”

Damals, in den 70ern des letzten Jahrhunderts (Wahnsinn, wie sich das anhört) gab es aber für einen findigen Burschen wie mich durchaus Möglichkeiten, noch an ein paar Zehnerl zu kommen.
Immerhin gab es noch Telefonzellen. Die Kinder von heute kennen das ja nicht mehr, aber wenn früher jemand von unterwegs einen Anruf machen wollte, stellte er sich in eine solche gelbe Telefonzelle. Nein, Handys existierten damals noch nicht.
Nun war es so, dass manchen Leuten beim Geldeinwerfen ein Zehnerl oder ein Fünfzigerl aus den Fingern geglitten und unter dem Bodengitter der Telefonzelle verschwunden ist. Meine Freunde und ich haben wöchentlich die Garchinger Telefonzellen abgeklappert und mit Ästen unter dem Bodengitter herumgestochert. Meistens wurden wir fündig. Die Beute wurde natürlich umgehend in Süßigkeiten umgesetzt.


Da fällt mir noch eine Begebenheit ein, die meiner Tante damals vermutlich ein paar graue Haare gekostet hat. Wir hatten damals Plastikmünzen zum Spielen – ich glaube von Bärenmarke – die, wie sich herausstellte, exakt so groß wie Zehnerl waren und von Kaugummi-Automaten „gefressen” wurden. Sie ahnen es: Wir haben damit den Kaugummi-Automaten um die Ecke gefüttert bis die Münzen verbraucht waren und wir Kinder die Backen voller Kaugummis hatten. Dass das eine Straftat sein könnte, kam uns nicht in den Sinn.
Meine Tante kam natürlich dahinter, hat mich ordentlich geschimpft und dann – soweit ich mich erinnere – den Automatenaufsteller angerufen und die Sache mit ihm geklärt ... Ja, „Kribbe” war´ ma scho.


Ich denke gern an meine Kindheit zurück. Da war das Geld noch richtig was wert, die Sommer waren heißer, die Süßigkeiten leckerer und ich hatte jede Menge Freizeit, die ich mit meinen Freunden an der Alz oder im Wald verbringen konnte.


P.S.: Die Kinderzeit, diese wunderbaren Jahre, dieser Wimpernschlag in unserem Leben vergeht viel zu schnell. Lassen Sie Ihr Kind diese Zeit genießen, Schule hin oder her. Lassen Sie Ihr Kind Kind sein, denn erwachsen ist es ein Leben lang. Und jeder Erwachsene ist arm, der diese magischen Erinnerungen an eine wunderbare Kindheit nicht besitzt.


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Autor: Mike Schmitzer