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18.07.2012
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Die Blindschleiche


Warum ich keinen Fuß mehr auf meine Lieblings-Joggingstrecke setze

Ich bin ja seit einigen Wochen ein leidenschaftlicher Jogger. Moment, habe ich geschrieben „leidenschaftlicher”? Streichen Sie das, wir wollen ja bei der Wahrheit bleiben.
Also: Ich bin seit einigen Wochen ein Jogger, weil ich gerne ein paar Kilo loswerden möchte, die sich im Lauf des letzten halben Jahres um meine Körpermitte herum angesammelt haben.
Ich hasse nämlich das Gefühl, wenn im Auto der Sicherheitsgurt in den Bauch einschneidet. Das ist für mich immer das Zeichen dafür, dass es wieder Zeit für eine Abspeckaktion ist.


Es gibt Läufer die behaupten, es würde sich mit der Zeit so eine Art Suchtgefühl einstellen. Nach gut einem Monat kann ich von dieser Sucht bei mir noch nichts feststellen – leider. Mich kostet es jedesmal eine enorme Überwindung, meinen Bürostuhl zu verlassen und in die Laufklamotten zu schlüpfen. Vor allem wenn es draußen so kalt und ungemütlich ist wie in den letzten Tagen.
Trotzdem habe ich immer meinen inneren Schweinehund überwunden. Doch jetzt ist etwas passiert, das die ganze Sache noch unangenehmer macht, als sie ohnehin schon ist. Ich kann jetzt nämlich nie wieder meine bisherige Lieblingsstrecke laufen. Nie, nie wieder!


Wie Sie vielleicht wissen, lebe ich in Garching und dort gibt es beidseitig entlang des Alzkanals eine wunderschöne Strecke, die sich perfekt zum Joggen eignet.
Der Kiesweg ist recht schattig und durch den erhöhten Bahndamm auch etwas windgeschützt. Außerdem kann man einen Rundkurs laufen, wenn man eine der Brücken über den Kanal überquert.

Ich bin gerade joggenderweise unterwegs auf dem besagten Kiesweg, meinen virtuellen Jogging-Coach im Ohr, da sehe ich sie liegen:
Eine tote Blindschleiche.


Ich mache eine sofortige Vollbremsung und spüre, wie sich über meinen ganzen Körper eine Gänsehaut ausbreitet. Mit vorsichtigen Schritten nähere ich mich dem toten schlangenähnlichen Tier. Hinweis an die Besserwisser: Ich weiß natürlich, dass die Blindschleiche eigentlich keine Schlange ist sondern eine Echse ohne Beine. Aber für mich sieht sie aus wie eine kleine Schlange.
Nach einem kurzen Blick auf den fliegenumschwirrten Kadaver entscheide ich mich dafür, auf der Stelle umzudrehen und den Rest der Strecke im Ort zu laufen. Der harte Asphalt ist zwar nicht gerade gut für meine Beine aber wenigstens gibt es da keine Blindschleichen.
Die Blindschleiche hätte sich vermutlich auch was anderes gewünscht, als mir quasi postmortem meine Lieblingsstrecke zu versauen, aber das hilft jetzt alles nichts mehr ...

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher dieser Ekel vor dem harmlosen Tierchen kommt. Als Kind war mir das völlig egal. Da war ich der Erste, der sich im Dreck gewälzt hat.


Jetzt ist es so, dass ich beim Joggen jedes Mal einen Schweißausbruch bekomme, wenn vor mir auf dem Boden etwas schlangenähnliches liegt. Meistens handelt es sich ja doch nur um einen Ast.


Wenn ich einen schmalen Pfad entlanglaufe, der links und rechts von hohen Pflanzen gesäumt ist, stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn die Pflanzen plötzlich verschwunden wären. Was sich da wohl alles an unerfreulichem Getier schlängeln würde ...
Wenn Sie mich also in Garching über die Bürgersteige hetzen sehen und sich fragen, warum ich nicht lieber am Alzkanal oder in der Alzau jogge – jetzt kennen Sie des Rätsels Lösung.

P.S.: Meine Frau versteht überhaupt nicht, wie ich mich wegen einer kleinen Blindschleiche nur so anstellen kann. Eine, die noch dazu tot war. Sie würde einfach daran vorbeilaufen und keinen Gedanken mehr daran verschwenden. Und sogar eine Schlange wäre kein Problem – sagt sie. Da würde sie einfach drüberspringen.


Aber fragen Sie doch mal, wer bei uns in der Familie für die Spinnenbeseitigung zuständig ist. Obwohl ich die Viecher auch schrecklich eklig finde. Aber alles was sich schlängelt „geht” gar nicht ...

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Autor: Mike Schmitzer