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11.07.2012
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Ich bin ein Schlecker-Opfer


Warum gibt es eigentlich keine Norm für Rasierklingen-Halterungen?

Gewissermaßen. Also nicht in dem Ausmaß wie die armen Mitarbeiterinnen denen mein vollstes Mitgefühl gehört. Trotzdem bin auch ich von der Schlecker-Pleite betroffen.
Es war der einzige Laden, in dem ich Rasierklingen bekommen habe, die auf meinen Uralt-Rasierer passten. Und billig waren sie noch dazu.


Ich bin ja ein Verfechter der Nass-Rasur und benutze noch heute den gleichen Gillette-Rasierer, den ich irgendwann als junger Mann gekauft habe. Ich habe im Laufe der Jahre immer wieder neue Modelle ausprobiert, aber mein guter alter Nassrasierer liegt einfach perfekt in der Hand. Er ist aus Metall mit griffigen Gummistreifen und sein Klingenkopf hat genau die richtige Schrägstellung.


Es gibt einfach gewisse Dinge im Leben eines Mannes, die er gegen nichts anderes eintauschen möchte und mein Rasierer ist eines dieser Dinge.


Erst kürzlich habe ich durch eine youtube-Doku erfahren, dass mein Rasierer von keinem Geringeren als Design-Papst Dieter Rams entworfen wurde. Rams hat Jahrzehntelang das Design der Firma Braun geprägt und Apple-Designer Johnathan Ive hat sich von dem Altmeister einiges abgeguckt.


Seit ich das weiß, liebe ich das unkaputtbare Teil umso mehr. Und jetzt kommt diese blöde Schleckerpleite.


Gut, ich hätte natürlich noch schnell in den nächsten Schleckermarkt gehen und den gesamten Restbestand an Klingen aufkaufen können. Aber sowas mache ich grundsätzlich nicht, weil ich mir da irgendwie seltsam vorkäme. Wie ein Leichenfledderer. Wenn ein Laden geschlossen wird, die Mitarbeiter gefeuert und die Waren verramscht werden, setze ich aus Prinzip keinen Fuß mehr hinein. Ich möchte nicht, dass die armen Mitarbeiterinnen mich anschauen und denken: „Aha, noch so ein Hamsterer. Wenn er früher öfter bei uns eingekauft hätte, würde es meinen Arbeitsplatz vielleicht noch geben.”


Vielleicht denken sich die Mitarbeiterinnen gar nichts dergleichen, aber ich fühle mich schlecht dabei und deshalb mache ich es nicht. Stattdessen habe ich mein Glück in einem großen Burghauser Kaufhaus versucht. Die Auswahl an Rasierklingen hat mich schlichtweg erschlagen.


Stellen Sie sich vor, da gibt es Klingen für 33 Euro! Sind die aus Gold oder wie rechtfertigt man einen solchen Wucherpreis? Da locken die Klingenhersteller mit coolen Science-Fiction-Rasierern zum günstigen Preis aber wehe man muss dann Ersatzklingen kaufen, dann kommt das böse Erwachen. So ähnlich wie bei den Farbdruckern, wenn Sie wissen, was ich meine ...


Nach etwa einer Viertelstunde entscheide ich mich für ein 10er-Packerl Klingen von Gillette, das mit sechs Euro noch in einer akzeptablen Preisregion liegt. Da gibt es alleine von diesem Hersteller zig verschiedene Klingen mit futuristischen Namen wie „Fusion Proglide”, „Mach 3” oder „Duplo 2 Plus”.


Es kam wie es kommen musste: Daheim reiße ich das Päckchen auf, möchte eine Klinge in meinen guten alten Rasierer klicken und – sie passt nicht.


Ich versuche mir genau einzuprägen, wie die Klingenhalterung meines Rasierers aussieht, stehe am nächsten Tag wieder vor dem Regal und wähle diesmal ein anderes Klingenpackerl. Die Rückseiten der Klingen sieht man ja dummerweise nicht also kann man nur schätzen.


Daheim: Ausgepackt – passt nicht. Zurückgeben ist nicht, weil ja die Verpackung hinüber ist und anders lässt sich nicht feststellen ob die Klinge passt.


Am Tag danach bin ich schon etwas schlauer und kaufe mir zu Klingenpaket Nummer 3 (das natürlich auch nicht passt) noch einen Billigrasierer für 2 Euro mit fünf enthaltenen Klingen. Und mit diesem Hobel rasiere ich mich seitdem und es fühlt sich total fremd an. Das Ding liegt irgendwie komisch in der Hand, sieht bescheiden aus und das Rasieren, das ohnehin keinen Spaß macht, wird zum echten Ärgernis.


Am liebsten würde ich mir einen Vollbart stehen lassen aber meine zunehmend grauen Bartstoppeln lassen mich auch nicht unbedingt jünger wirken. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Morgen kaufe ich ein neues Packerl. Mal sehen, was zuerst zu Ende ist: Die Auswahl an Klingen oder meine Kohle ...


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eMail: mike.schmitzer@wochenblatt.de

Autor: Mike Schmitzer