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18.04.2012
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Die Textwände – sie drohen mich zu zerquetschen ...


Großbuchstaben, Punkt und Komma sind Dinge, die facebook scheinbar nicht braucht

Erinnern Sie sich an die Szene aus „Krieg der Sterne” (Episode IV), in der Prinzessin Leia mit ihren Rettern in der Müllpresse des Todessterns gefangen ist und sich die Wände bedrohlich immer näher schieben?

 

 


So fühle ich mich zuweilen beim Lesen in facebook. Irgendwann hat eine große Gruppe von facebook-Nutzern für sich beschlossen, Großbuchstaben einfach abzuschaffen. Braucht man nicht. Hält nur auf. Genauso wenig wie die Interpunktion, also weg damit!
Geistesblitze auf dem Schulhof oder in der Bürokantine gehen dadurch wesentlich flotter von der Hand, weil der Verfasser die Finger nicht permanent für die Hochstelltaste verrenken oder zum hunderttausendsten Mal nach dem Komma auf der Tastatur suchen muss. Wir haben doch keine Zeit und es gibt so viele Neuigkeiten zu berichten.

 

 

 

Das Ergebnis sieht dann in etwa so aus:

 

 


stell dir vor heute hätte ich fast verschlafen aber nur fast das heißt ein bisschen schon aber nicht ganz weil ich zwar den wecker nicht gehört habe aber die nachbarin von unten du weißt schon die mit dem komischen köter so einen lärm gemacht hat dass ich um fünf vor sieben aufgewacht bin puuuuh jedenfalls bin ich gerade noch rechtzeitig ins büro gekommen und jetzt brauche ich erstmal einen kaffee.

 

 

Da war sie, die Textwand und es gibt kein Entrinnen. Wer seine Leser vollends in den Wahnsinn treiben möchte, der lässt beim „dass” noch das zweite „s” weg. Natürlich nur aus ökonomischen Gründen und nicht, weil man in der Schule gefehlt hat, als der Unterschied zwischen „das” und „dass” durchgenommen wurde.

 

 

 

Manchmal frage ich mich, ob die Leute, die solche Textriemen verfassen, auch tatsächlich so sprechen wie sie schreiben. Das würde sich vermutlich anhören wie die ersten Computerstimmen der C64-Ära: Wirrr sind die Roboterrr und kennen keine Interrrpunktion.
Dabei wäre es so einfach, seinen Lesern einen Text zu servieren, der diese nicht sofort dazu verleitet, schreiend davonzulaufen:
Immer dort, wo man beim Erzählen automatisch eine kurze Pause macht, ist ein Komma eine gute Idee. Manche nutzen diese Sprechpause auch für ein „Aääähm”. Also rein mit dem Komma an dieser Stelle. Lieber eines zu viel (Komma) als eines zu wenig. Wir sind ja hier nicht in der Deutschstunde.

 

 

 

Eines noch: Vor einem „dass” kommt fast immer ein Komma. Außer man schreibt, dass vor einem „dass” fast immer ein Komma kommt …

 

 

 

In „Krieg der Sterne” gab es übrigens ein „happy end”. Die Helden wurden gerettet kurz bevor die Wände sie zerquetscht haben. Wäre es nicht schön, wenn auch wir vor den Textwänden in facebook und Konsorten gerettet würden?

 

 

 


Eine schöne, textwandfreie Woche …

 

 

 


PS: Falls die etwas älteren Semester nun versucht sind, den Kopf zu schütteln, über die sprachlichen Irrungen und Verwirrungen der jüngeren Generation: Moment! Wir waren (und sind) auch nicht viel besser. Die 40-Plus-Generation ist unter anderem berüchtigt für die Vergewaltigung des Apostroph´s, entschuldigung: Apostrophs. Stumme Zeugen dieses so genannten „Deppenapostrophs” findet man überall: Im Schaufenster des Handyladens (Handy´s zum Sonderpreis) ebenso wie in der Speisekarte des Wirtshauses (Heute Sparerib´s). Aber das ist ein eigenes Thema …

 

 

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Autor: Mike Schmitzer