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03.05.2012
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Die Qual der Wahl


Was antwortet man seinem Sprössling auf die Frage, welchen Beruf er später einmal ergreifen soll?

„Was stellst Du Dir denn so vor?”, will ich wissen.

 

Darauf er: „Einen Audi R8, eine Yacht und ein tolles Haus.”

 

„Ähm gut, das schränkt die Möglichkeiten allerdings etwas ein ...”

 

 

 

Es ist jetzt ungefähr ein Jahr her, seit mir Fabi diese Frage gestellt hat. Damals war er acht. Seither grüble ich darüber nach.
Mein erster spontaner Vorschlag war „Notar”. Lässt man die Optionen „Filmschauspieler”, „Rockstar” oder „Lottogewinner” mal beiseite, dann ist das die einzige Möglichkeit, die mir eingefallen ist, legal so viel Kohle zu verdienen.
„Okay, dann werde ich Notar”, willigte Fabi ein und erzählte es auch gleich ganz stolz seinen Freunden.
Inzwischen hatten mich aber schon wieder Zweifel beschlichen.

 

 


Sind Sie schon mal bei einem Notar gesessen? Dieses endlose Herunterlesen von Dokumenten den ganzen lieben Tag lang. Das ist doch stinkend langweilig – Kohle hin oder her.

 

 


„Also Fabi, ich habe nochmal darüber nachgedacht. Notar ist vielleicht doch nicht das Richtige für Dich. Wie wäre es mit Rechtsanwalt?”
„Rechtsanwalt? Kann ich mir da einen Audi R8 kaufen?”
„Wenn´s gut läuft, dann schon.”

 

 


Ab diesem Zeitpunkt erzählte Fabi jedem, der es hören wollte, dass er später mal Rechtsanwalt werden würde.
Kaum war das leidige Thema endlich abgehakt, kam ich schon wieder ins Grübeln. Es ist ja nicht automatisch so, dass Rechtsanwälte viel Geld verdienen. Was wäre, wenn es Fabi in eine Großstadt verschlägt? Dort treten sich die Juristen quasi gegenseitig auf die Füße. Und dann fallen ihnen solche üblen Sachen ein, wie ebay zu durchforsten und die Verkäufer wegen irgendeiner Kleinigkeit abzumahnen – mit gesalzener Rechung. Oder sie verdingen sich als Geldeintreiber für die Medienkonzerne und kassieren jugendliche „Musikpiraten” mit völlig überzogenen Summen ab.

 

 


Möchten Sie, dass ihr Kind so endet? Als ekelhafter Blutsauger? Nein, ich nicht! Also war der Rechtsanwalt auch schon wieder hinfällig.
Aber was wäre die Alternative? Langsam wird´s wirklich schwierig. Arzt meinen Sie? Dann fragen Sie doch mal Ihren Hausarzt, wo sein Audio R8 steht. Aber achten Sie bitte darauf, dass er keine Spritzennadeln oder andere spitze Gegenstände in Griffreichweite hat.
Facharzt – das wäre vielleicht noch was. Das denke ich mir jedesmal im überfüllten Wartezimmer, wenn ich trotz Termin (auf den ich drei Monate warten musste) mehr als zwei Stunden absitzen, und gelangweilt in alten abgegriffenen Ausgaben von „Schöner Wohnen” und „Für Sie” blättern muss. Da muss doch fast der Rubel rollen, oder nicht?

 

 


Andererseits: Wer möchte schon Muttermale an Stellen untersuchen, wo die Sonne nie hinscheint? Wer hat Spaß daran, fremden Leuten im Hals herumzustochern oder ihnen einen Schlauch in den Allerwertesten einzuführen?

 

 


Unser momentaner Favorit ist der Informatiker. Da macht man sich die Finger nicht schmutzig und mit einer zündenden App für iPhone und Co. kann man sich locker einen Audi R8 leisten. Da gibt es doch dieses kleine Spielchen mit dem Titel „Angry Birds”, in dem man Vögel auf Schweine schleudert. Es wurde 500 Millionen Mal heruntergeladen und die Macher haben hunderte Millionen damit verdient. Bingo!

 

 

 

Eine Möglichkeit habe ich ja bisher völlig außer Acht gelassen: Was man sich erheiratet, muss man sich nicht erarbeiten.
Gut, im Moment kann ich mit diesem Vorschlag bei Fabi nicht landen. Die Vorstellung irgendwann heiraten zu müssen, rangiert für ihn irgendwo zwischen der Pest und der Cholera. Und wie sollte er das seinen Kumpels begreiflich machen? Wenn man ein Mädchen heiratet, dann muss man es ja auch küssen. Dann lieber keinen Audi R8. Aber vielleicht ändert er seine Meinung ja noch ...

 

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Autor: Mike Schmitzer