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08.05.2012
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Der Tennisarm


Wie schaffen die Hausfrauen das mit dem Putzen nur ohne schwerwiegende Verletzungen?

Mein rechter Arm ist im Eimer. Mir tun Muskeln im Oberarm weh, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie habe. In der Nacht wache ich immer wieder schmerzerfüllt auf, bei dem Versuch, mein Kissen zu umarmen, was meiner Lieblingsschlafposition entspräche.

 

 

 

Wie kann jemand einen Tennisarm bekommen, der gar nicht Tennis spielt? Nun, eigentlich ist es mehr eine Art Fernseharm – oder genauer gesagt: ein Fernsehputzarm.

 

 

 

Mein Lieblingsobjekt im Wohnzimmer ist unser chromblitzender Flachbildfernseher. Sagte ich „mein” Lieblingsobjekt? Natürlich zählt der Fernseher zum so genannten „Familieneigentum”. Ich bin in dieser Familie besitzlos, denn alles, was nicht explizit meiner Tochter oder meinem Sohn gehört, ist Familieneigentum.

 

 


Mein Anteil an unserem Fernseher bestand darin, ihn zu bezahlen, nach Hause zu fahren und aufzustellen. Die Benutzung des Geräts obliegt nun meinen beiden Sprösslingen. Natürlich bin ich als Mitschauer geduldet, sofern ich keine Ansprüche erhebe, das Fernsehprogramm mitzugestalten.

 

 


In meiner Eigenschaft als geduldeter Mitschauer fühle ich mich aber irgendwie für die Instandhaltung des Fernsehers zuständig. Allein schon deshalb, weil mir vor dem Gedanken graut, eines meiner Kinder könnte mit einem rauen Putzlumpen den Fernsehschirm misshandeln.

 

 


Zu meiner Bestürzung hatte sich im Verlauf einiger Wochen auf der Scheibe einiges an Dreck angesammelt. Fliegen koteten in völliger Respektlosigkeit auf das High-End-Gerät. Mein Sohn und seine Freunde, welche die Angewohnheit haben, in einem halben Meter Entfernung vor dem Fernseher hockend Playstation zu spielen und die Spielgeräusche selbst zu produzieren, fügten einige unschöne Spuckflecken hinzu. Und beim Anstechen einer Capri-Sonne scheint auch einiges in Richtung Bildschirm gespritzt zu sein ...
Spucke, Capri-Sonne und Fliegenschiss sind zwar von der Couch aus nicht zu sehen, aber ich weiß, dass sie vorhanden sind und das verleidet mir den Fernsehgenuss.

 

 


Zuerst habe ich den Fernseher mit einem weichen Lappen und lauwarmen Wasser abgewischt. So steht es eigentlich im Handbuch. Das Ergebnis war schockierend: Hässliche Wasserflecken über den ganzen Bildschirm verteilt.
Mit Fensterputzmittel wagte ich mich an die Oberfläche des Fernsehers nicht ran, also versuchte ich mein Glück mit einem Spezialgel für Computer-Bildschirme.

 

 


Ich sage Ihnen: Sensiblere Menschen hätten sich danach aus dem Fenster gestürzt. Der ganze Bildschirm war mit einem schmierigen Film überzogen, der in allen Regenbogenfarben schillerte.

 

 

 

Mein Rettungsanker war ein kleiner Lederlappen mit dem ich den ganzen Bildschirm Zentimeter für Zentimeter poliert habe.
Immer schön kreisen – fest aufdrücken – Zentimeter für Zentimeter vorarbeiten. Bei 55 Zoll ist man da schon eine Dreiviertelstunde unterwegs.

 

 


Drei Tage später haben die Schmerzen in meinem rechten Oberarm angefangen. Ist ja auch kein Wunder, denn die Maximalbelastung meines rechten Arms erfolgte bis dahin durch das Tragen einer Eineinhalbliterflasche Mezzomix (Light) vom Keller ins Wohnzimmer.

 

 

Wie ist das eigentlich bei den Hausfrauen, wenn sie dutzende von Fenster putzen müssen? Kriegen die dann etwa auch so etwas wie einen Tennisarm?

 

 

 

Ich hab´ jedenfalls meinem Sohn einen Sicherheitsabstand beim Spielen vor dem Fernseher verordnet und Capri-Sonne gibt´s da auch nicht mehr. Außerdem liegt eine Fliegenklatsche in Griffreichweite. So eine Aktion brauche ich nämlich nicht mehr ...

 


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Autor: Mike Schmitzer