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09.04.2012
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Außi muss ich, außi


Die Natur - sie ruft mich zu sich! Nur keiner will mir folgen ...

Die Wochenenden, die man gemütlich vor der Glotze verbringen konnte - dahingemäht auf der Couch, links die Fernbedienung, rechts die Chipstüte - sie sind vorbei. Ebenso die Tage des süßen Nichtstuns vor dem PC: facebook, Internet, wasweißich.
Das alles durfte man die vergangenen Monate mit dem guten Gefühl tun, bei dem Wetter sowieso nichts Besseres anfangen zu können.

 

 

 

Vorbei!

 

 

 

Immer zum Frühlingsanfang beschleicht mich ein Gefühl der inneren Unruhe und das kann nur eines bedeuten: Ich muss außi.
Es ist wie ein Zwang. So als würde ich eingehen wie eine Primel, könnte ich nicht die allerersten Sonnenstrahlen in mich aufsaugen.

 

 

 

Natürlich böte sich an, einfach im Ort eine Runde spazieren zu gehen, aber das reicht mir nicht. Ich will mich nicht einreihen in den Zug der Strickjacken-Lemminge, der bei Sonnenschein grüppchenweise an meinem Haus vorbeiströmt. So viel gibt Garching-City nun wirklich nicht her.

 

 

 

Nein, der Chiemsee muss es mindestens sein. Besser wäre eine kleine Bergwanderung.
Das Problem dabei ist, dass diesen inneren Zwang nur ich zu verspüren scheine.

 

 


Am Frühstückstisch ist die Stimmung schon etwas angespannt, denn meine beiden Sprößlinge ahnen bereits, was auf sie zukommt. Wüsste ich es nicht besser, ich würde an die Existenz von Vampiren glauben. So erbittert sich die beiden gegen meine Ausflugspläne wehren, könnte man annehmen, sie würden beim ersten Sonnenstrahl zu Staub zerfallen.

 

 


Nein, sie würden maximal in den eigenen Garten hinausgehen, erklären die Bleichgesichter in seltener Einmut. Die Aufständler zum Familienausflug zu zwingen wäre zwar eine Option, allerdings würden sie mir den Tag mit ihren wenig subtilen Methoden vermiesen. Soviel ist sicher.

 

 

 

"Gut, dann mache ich eben alleine was", sage ich in die Runde, in der vagen Hoffnung, so etwas wie ein schlechtes Gewissen zu erzeugen - das die Kinder in dieser Hinsicht natürlich nicht besitzen. Meine Frau ist da realistischer. Weiß sie doch, dass jedes Aufbäumen meinerseits letztlich doch wieder im Garten endet. Es sei denn, am Ausflugsort gibt es Spielwaren und Elektroartikel zu kaufen.

 

 

 

Ok, ich muss sowieso vier Kilo abspecken, also beschließe ich, am Alzkanal joggen zu gehen. Da kann ich genügend Sonne in mich aufsaugen – und noch ein paar kleinere Insekten, wenn ich vergesse durch die zusammengebissenen Zähne zu atmen.

 

 

 

Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis ich meine Laufklamotten zusammengesucht habe. Also der Dress geht ja garnicht, da sehe ich aus wie eine Weißwurst. Lieber ziehe ich ein T-Shirt über. Wo war jetzt nochmal mein Brustgurt für den Pulsmesser?
Als ich das Ding angeschnallt habe – ordentlich Spucke auf den Kontakt damit es funktioniert – passiert garnichts. Anscheinend ist die Batterie leer. Also alle Schubladen nach der passenden Batterie durchwühlt.
Jetzt nur noch die Lauf-App auf dem iPhone starten und das richtige Trainingsprogramm einstellen. Als ich die App starte, wird mir angezeigt, dass es eine neuere Version gibt, die ich als „Update-Junky” natürlich sofort herunterlade. Danach geht erstmal garnichts mehr. Komplettabsturz. Im Lauf-Outfit mit angeschnalltem Brustgurt sitze ich vorm PC und stelle mein iPhone wieder her. Mein Pulsmesser macht traurig blip, blip.

 

 

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit erwacht der iPhone-Bildschirm wieder zum Leben aber jetzt sind alle Programmsymbole wild auf unzähligen Seiten verstreut.
Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen in so einer Situation geht, aber ich muss sowas sofort wieder „richten”. Ich habe sonst keine Ruhe.

 

 

 

Nachdem endlich wieder alles so ist, wie es sein soll, springe ich voller Tatendrang auf. Aber was ist das? Dicke Wolken haben sich vor die Sonne geschoben.

 

 

 

Also bei dem miesen Wetter gehe ich jetzt aber nicht laufen. Der innere Drang hat sich zusammen mit dem Sonnenschein auch verflüchtigt - Juhuu. Und ich setze mich ohne schlechtes Gewissen wieder vor den PC. Mal schauen, was facebook so macht.

 

 


Es kommen ja schließlich noch viele sonnige Wochenenden …

 

 

facebook: mike schmitzer

mike.schmitzer@wochenblatt.de
 

Autor: Mike Schmitzer