27.10.2015

Kredite in Zeiten von Onlinebanking und Co.: Segen oder Fluch?


Noch vor wenigen Jahren waren Kredite vor allem etwas für diejenigen, die sich etwas wirklich Kostspieliges wie ein Eigenheim zulegen wollten. Das hat sich mittlerweile geändert: Vom Großkredit für die Eigentumswohnung bis zum Flachbildfernseher und der Waschmaschine auf Raten ist im Grunde alles „auf Pump“ verfügbar – und oftmals nur wenige Mausklicks entfernt.

So mancher Häuslebesitzer erinnert sich noch an die bangen Minuten im Büro des Bankberaters. Reichen die Sicherheitsleistungen? Wie viele Zinsen wird das Eigenheim kosten? Dann das Aufatmen, als die Unterschrift unter den Vertrag gesetzt werden konnte. Endlich Geld – aber auch Zahlungsverpflichtungen für viele Jahre, oftmals Jahrzehnte. Was früher meist eine seltene Ausnahme war, ist heute für viele Usus, das Kaufen auf Raten.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Statt lange zu sparen, geht es gleich auf Shoppingtour. Banken und Einzelhändler unterstützen diesen Gedankengang mit äußerst niedrigen Zinsen. So manche Unternehmen locken sogar mit Null-Prozent-Finanzierungen. Vor allem in der Sicherheit des trauten Heimes und der vermeintlichen Gefahrlosigkeit des Internets klicken daher viele Deutsche oftmals vorschnell auf den „Vertrag abschließen“-Button – und sich damit direkt in die Kreditfalle.

 

Gleich kaufen oder eher abwarten und zusammensparen?

Besonders im mittleren Preissegment des Einzelhandels boomen momentan die Kleinkredite. Ein Fernseher für 1200 Euro lässt sich bei der angebotenen Finanzierung mit null Prozent Zinsen bequem in zwölf 100-Euro-Raten finanzieren. Die kurze Laufzeit und die niedrigen Raten machen einen solchen Kauf auch für finanziell schwächer Gestellte interessant. In der Mehrzahl der Fälle funktioniert diese Vorgehensweise – zudem freut sich auch der Staat, weil die Kauflaune so gesteigert wird.

Kritisch wird’s erst, wenn ein Kunde seine monatlichen Verpflichtungen nicht genauestens im Blick behält und auf einmal die Zahlungsverpflichtungen nicht mehr bedienen kann. Eigentlich greift hier die SCHUFA – die Wirtschaftsauskunftei, die Unternehmen über die Kreditwürdigkeit eines Kunden informiert. Liegt dort ein negativer Eintrag vor, etwa wegen säumiger Zahlungen, war es das erst mal mit dem Kaufrausch.

Jedoch mehren sich auch die Zahlen der Unternehmen, die mit „Kredit trotz Schufa“ werben – zu horrenden Zinsen. Spätestens hier sollten Interessenten die Notbremse ziehen, denn der vermeintlich rettende Kredit entpuppt sich nur allzu oft als Falltür in die unteren Kreise der Schuldenfalle. Die ist spätestens dann erreicht, wenn die Ausgaben nicht mehr zu 100 Prozent durch Einkünfte gedeckt werden. Zwar passiert das laut dem SCHUFA Kredit-Kompass nur in weniger als zehn Prozent der Schuldenfälle durch ein unpassendes Konsumverhalten, doch Kreditnehmer sollten es in keinem Fall darauf ankommen lassen.

 

Mit Vernunft und Maß

Natürlich sollte sich niemand gleich in der Schuldenfalle sehen, wenn es am Monatsende mal etwas eng wird. Vor allem Geringverdiener können meist nur wenig ansparen, um Rücklagen für Notfälle anzulegen. Wenn dann beim Auto der Motor einen schweren, teuren Schaden bekommt, muss wohl oder übel ein Kredit her. Hier hilft dann nur eines: Vergleichen, vergleichen und nochmal vergleichen. Vergleichsportale können dabei ungemein hilfreich sein, denn die Zinsen bei den unzähligen Finanzinstituten unterscheiden sich von Summe zu Summe oft ganz erheblich. Eine Faustregel sollte dabei im Blick behalten werden: Kostet der Kredit pro Monat mehr Abtrag, als sich in einem schlechten Monat ansparen lässt, ist davon abzuraten. Generell lautet die Devise: Nicht zu eng planen. Denn auch eine eigentlich sichere Arbeitsstelle kann heutzutage schnell gekündigt werden – der eben noch beherrschbar geglaubte Kredit wird dann zur untragbaren Last. Weiterhin sollten künftige Kreditnehmer folgende Regeln beachten:

 

  • Rückzahlung ist wichtiger als Sparen. Im Zweifelsfall also mal für einen Monat nichts zur Seite legen und dafür den Kredit bedienen. Das gilt besonders im Hinblick auf einen überzogenen Dispo, der grundsätzlich besonders hohe Zinsen um zehn Prozent hat.

  • Ehrlich zu sich selbst sein: Muss es tatsächlich der teure Großfernseher sein oder reicht auch ein kleinerer? Wird tatsächlich wieder ein Mittelklassewagen benötigt oder wäre ein Kleinwagen mit seinem geringen Spritverbrauch nicht günstiger?

  • Was sind die Möglichkeiten, wenn während der Abtragungsphase ein unerwartetes Problem auftritt (etwa ein teurer Schaden, der nicht von der Versicherung gedeckt ist)?

 

Die letzte Regel ist vielleicht die wichtigste, denn sie erfordert selbstkritisches Entscheiden zwischen Wunsch und echtem Bedarf:

  • Brauche ich dieses Angebot wirklich oder möchte ich es nur, weil der Händler mit niedrigen Zinsen lockt?


 

Vor Ort oder Online?

Ist ein passender Kredit gefunden, müssen Interessenten sich dann nur noch entscheiden, wie sie ihn abschließen. Wenn die auserkorene Bank nicht gerade eine Filiale um die Ecke hat, lockt natürlich die Möglichkeit, den Kredit mit dem Notebook auf dem Schoß von der heimischen Couch aus abzuschließen.

Allerdings birgt das auch gewisse Risiken: Wie allgemein beim Onlinebanking, können die eigenen Daten auch hier unter Umständen zum Ziel von Hackern werden. Und auch die Daten des Kredits selbst sind mittlerweile nicht mehr nur für Kreditgeber und -nehmer interessant, wie das „AnaCredit“-Projekt der europäischen Zentralbank (EZB) zeigt: Dahinter verbirgt sich nämlich eine geplante gigantische Datenbank, in der die EZB alle Darlehensnehmer und -geber in Europa erfassen will. Wer seine Daten also unter allen Umständen absichern will, sollte sich daher im Zweifelsfall eher ins Auto setzen, statt den Computer einzuschalten.

 

Von Privat für Privat

Eine relativ neue Form der Finanzierung ist das sogenannte Crowdlending. Im Prinzip handelt es sich dabei um einen Kredit zwischen Privatleuten: Einer davon hat Geld, das er gewinnbringend anlegen möchte, allerdings nicht bei der Bank, weil dort die Zinsen zu gering sind. Der andere benötigt Geld und zwar zu möglichst geringen Zinsen. Beide Parteien finden sich im Internet auf eigens dafür gedachten Plattformen. Im Idealfall wird so aus diesen beiden Bedürfnissen eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Für den Kreditgeber sind so Renditen von bis zu acht Prozent möglich. Allerdings birgt es auch das Risiko, bei einer Insolvenz das Geld komplett zu verlieren. Weiteres Ungemach lauert auch in Form verfrühter Rückzahlungen seitens des Kreditnehmers, denn dadurch löst sich die erhoffte Rendite oftmals in Wohlgefallen auf.