10.06.2014

Der Tourismus in Deutschland:

Von den Kinderschuhen bis zum Web 2.0


Deutschland ist Reiseweltmeister. Wir bereisen nicht nur ferne Länder. Auch unsere Heimat ist für uns ein beliebtes Reiseziel. Dabei hat sich der Tourismus und unser Reiseverhalten in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert.

Weltweit gilt der Tourismus als ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Auch in Deutschland trägt die Tourismusbranche jährlich zum Wachstum bei und hat Einfluss auf die Beschäftigungszahlen. Laut der aktuellsten Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und  Energie von 2010 lag der direkte Beitrag des Tourismus an der gesamtwirtschaftlichen Leistung bei 4,4 Prozent. Das entsprach einem Betrag von 97 Millarden Euro. Deutsche Urlauber gaben im gleiche Zeitraum im eigenen Land 241,7 Milliarden Euro aus. Im Vergleich dazu kamen internationale Touristen auf einen Betrag von nur 36,6 Milliarden Euro an Ausgaben. 2010 waren außerdem etwa 2,9 Millionen Deutsche direkt im Tourismus beschäftigt.

 

Die Anfänge des Tourismus in Deutschland reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück. Damals bereisten die Söhne europäischer Adelsfamilien auf der Grand Tour die Länder Südeuropas. Im 19. Jahrhundert verhalf die Entwicklung der Dampfmaschine dem Voranschreiten des Tourismus. Die Transportkosten sanken und Reisen mit dem Dampfschiff oder der Eisenbahn lösten das Reisen mit der Kutsche ab.

 

Während des Wirtschaftswunders in der Nachkriegszeit in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts verfügten die Menschen plötzlich über mehr Geld. Reisen wurde somit einer größeren Bevölkerungsgruppe zugänglich und der Massentourismus entwickelte sich. In Westdeutschland konnten sich die Menschen nun jedes Jahr eine Urlaubsreise leisten. Zahlreiche wichtige Entwicklungen fanden in dieser Zeit statt, die das Reiseverhalten nachhaltig veränderten. Neben der Gründung der ersten Reiseveranstalter revolutionierte vor allem die Charter- und Linienflugentwicklung den Tourismusmarkt. Ähnlich wie bei der Eisenbahn rund 100 Jahre zuvor sanken damit die Transportkosten und mehr Reisende konnten gleichzeitig transportiert werden. Auch weiter entfernte Reiseziele konnten so problemlos erreicht werden. Der Straßenverkehr nahm in dieser Zeit ebenfalls zu. Mit der steigenden Motorisierung erfuhr auch der Inlandstourismus einen Aufschwung. Seit den 50er Jahren bis in die Mitte der 90er Jahre nahm der Anteil der Bevölkerung, der eine Reise unternahm, stetig zu. Waren es 1954 24 Prozent der deutschen Bevölkerung, verreisten zehn Jahre später schon 39 Prozent und bis 1975 60 Prozent.

 

Seit den 90er Jahren stagniert der Anteil der reisenden Bevölkerung in Deutschland bei rund 75 Prozent. Dennoch hat sich das Reiseverhalten seitdem verändert. Ging der Trend zunächst zur individuellen Reise, gewann die Pauschalreise in ferne Urlaubsziele in den 90er Jahren an Beliebtheit. Besonders in den neuen Bundesländern hat nach dem Fall der Mauer die Pauschalreise zugelegt. Im Vordergrund stand das Bedürfnis Neues zu erleben und kennenzulernen. Ein weiterer Grund für den Erfolg der Pauschalreise waren auch die technologischen Entwicklungen, wie die Revolutionierung des Kommunikationswesens. Sie erlaubten es Reiseveranstaltern günstige Pauschalflugreisen anzubieten. Im Gegensatz dazu gibt es heute die Entwicklung weg von einer langen Flugreise hin zu mehreren kürzeren Reisen pro Jahr. Mehrere Faktoren beeinflussen diese Entwicklung. Zum einen tragen die stetig steigenden Kraftstoffpreise und somit die Verteuerung der Reisekosten dazu bei. Zum anderen hat auch der demographische Wandel Einfluss auf diese Entwicklung. Die Rückbesinnung auf die vielfältigen Landschaften in Deutschland und die zunehmende Fitness älterer Menschen führen dazu, dass auch weiterhin ein Großteil der Reisen deutscher Urlauber im eigenen Land stattfinden. Von Januar bis Dezember 2010 unternahmen die Bundesbürger insgesamt 308,3 Millionen Reisen, von denen 236,3 Millionen - also 77 Prozent - Reisen im Inland waren.

 

Auch die aktuellen technologische Neuerungen beeinflussen das Reise- und Buchungsverhalten. Verbesserte Transportmittel verhelfen zu uneingeschränkter Mobilität, Smartphones und Tablets garantieren einen ständigen Zugang zu Informationen. Ging man früher ins Reisebüro, um seine Pauschalreise zu buchen, gewinnt heute die Buchung aller Reiseleistungen im Internet an Bedeutung. Hotelbuchungsportale wie Trivago oder Reisesuchmaschinen wie GoEuro sind jederzeit und überall im weltweiten Web verfügbar. Wie wichtig das Internet für die Tourismusbranche ist, zeigen folgende Zahlen: 2012 hatten in Deutschland 73 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet. Im selben Zeitraum nutzten 45 Prozent das Internet, um sich über Ihre Urlaubsreise zu informieren und 23 Prozent buchten hier sogar ihre Reise. Im Vergleich dazu lagen die Zahlen im Jahr 2000 bei 10 und 2 Prozent für die Informationssuche bzw. die Buchung von Reisen.

 

Die Untersuchung des Verband Internet Reisevertrieb zeigt, dass das Reisebüro noch immer die wichtigste Rolle beim Buchen einer Urlaubsreise spielt. Es ist aber auch zu erkennen, dass die Buchungen direkt bei den Anbietern über die Jahre stetig zugenommen hat. So ist es anzunehmen, dass in nicht allzuferner Zukunft die Buchung über Internetportale das klassische Reisebüro ablösen wird.

 

Wie auch immer sich die Reisebranche in Deutschland in der Zukunft entwickelt, eins ist sicher: der Tourismus ist einem stetigen Wandel unterworfen.